Mehr als zwei Jahrzehnte lang beobachtete Swift einige der heftigsten Explosionen im Universum. Nun nähert sich das NASA-Observatorium selbst seinem Ende. Seine Umlaufbahn sinkt immer weiter ab, und ein ungewöhnlicher Versuch, den Satelliten mit einem eigens entwickelten Raumfahrzeug einzufangen und auf eine höhere Bahn zu bringen, ist gescheitert. NASA und das Unternehmen Katalyst Space Technologies teilten am 19. August 2026 mit, dass das Serviceraumfahrzeug LINK Swift nicht mehr greifen und anheben wird.
Damit ist ein Wiedereintritt in die Erdatmosphäre wahrscheinlich geworden. Nach den derzeitigen Prognosen könnte Swift noch im Laufe des Jahres 2026 abstürzen und dabei größtenteils verglühen. Wann und wo das genau geschieht, lässt sich bislang nicht zuverlässig vorhersagen.
Warum das Swift-Observatorium zur Erde sinkt
Swift wurde am 20. November 2004 gestartet und in eine niedrige Erdumlaufbahn gebracht. Ursprünglich war die wissenschaftliche Hauptmission auf zwei Jahre ausgelegt. Tatsächlich arbeitete das Observatorium mehr als 20 Jahre und entwickelte sich zu einem wichtigen Instrument für die Beobachtung kurzlebiger und energiereicher Ereignisse im Universum.
Ein Problem blieb jedoch von Anfang an bestehen: Swift besitzt kein eigenes leistungsfähiges Antriebssystem, mit dem das Observatorium seine Umlaufbahn langfristig anheben könnte. Satelliten in niedrigen Erdorbits bewegen sich zwar im Weltraum, treffen dort aber noch auf extrem dünne Ausläufer der Erdatmosphäre. Dieser geringe Luftwiderstand reicht aus, um ihre Bahnen über lange Zeit langsam abzusenken.
Bei Swift wurde dieser Prozess in den vergangenen Jahren erheblich beschleunigt. Ursache war die zunehmende Sonnenaktivität während des jüngsten Sonnenmaximums. Stärkere Sonnenaktivität erwärmt die oberen Schichten der Erdatmosphäre, wodurch sie sich ausdehnen. Satelliten erfahren dadurch in mehreren hundert Kilometern Höhe stärkeren Widerstand.
NASA-Berechnungen zeigten, wie stark sich die Situation verändert hatte. Noch Modelle aus dem Jahr 2023 ließen einen Wiedereintritt teilweise erst in den 2030er-Jahren erwarten. Nach dem besonders aktiven Sonnenmaximum 2024 verschob sich die Prognose deutlich. Anfang 2025 deuteten nahezu alle Modelle darauf hin, dass Swift bereits im Sommer oder später im Jahr 2026 gefährlich weit absinken könnte.
NASA stellte wissenschaftliche Beobachtungen teilweise ein
Um möglichst viel Zeit zu gewinnen, veränderte das Betriebsteam bereits Ende 2025 die Arbeitsweise des Observatoriums. Normalerweise dreht sich Swift regelmäßig zu neuen astronomischen Zielen. Gerade diese Fähigkeit ist eine seiner besonderen Stärken: Entdeckt das Observatorium beispielsweise einen Gammastrahlenausbruch, kann es sich innerhalb kurzer Zeit neu ausrichten und den Bereich mit mehreren Instrumenten untersuchen.
Seit Dezember 2025 wurden die Beobachtungsziele jedoch zunehmend danach ausgewählt, in welcher Ausrichtung Swift möglichst wenig Luftwiderstand erzeugte. Im Februar 2026 ging NASA noch einen Schritt weiter und setzte einen Großteil der wissenschaftlichen Beobachtungen vorübergehend aus. Swift wurde möglichst strömungsgünstig ausgerichtet, um das Absinken zu verlangsamen.
Das Burst Alert Telescope konnte weiterhin Gammastrahlenausbrüche registrieren. Die normalerweise anschließenden schnellen Beobachtungen mit dem Röntgenteleskop und dem Ultraviolett-/Optik-Teleskop wurden jedoch weitgehend eingestellt.
Als besonders wichtige Grenze betrachtete NASA eine durchschnittliche Höhe von etwa 300 Kilometern. Unterhalb davon wäre ein Rettungsmanöver zunehmend schwieriger geworden. Am 11. August 2026 befand sich Swift noch in ungefähr 347 Kilometern Höhe.
Die ungewöhnliche Rettungsmission für Swift
Statt das Ende der Mission einfach hinzunehmen, entschied sich NASA zu einem Experiment. Im September 2025 erhielt das Raumfahrtunternehmen Katalyst Space Technologies einen Auftrag im Wert von 30 Millionen Dollar. Das Unternehmen sollte innerhalb von weniger als einem Jahr ein Raumfahrzeug entwickeln, bauen und starten, das Swift im Orbit erreichen, einfangen und anschließend auf eine höhere Umlaufbahn bringen sollte.
Das Projekt war ungewöhnlich, weil Swift ursprünglich überhaupt nicht dafür konstruiert worden war, im Weltraum gewartet oder eingefangen zu werden. Anders als beispielsweise das Hubble-Weltraumteleskop besitzt das Observatorium keine für Wartungseinsätze vorbereiteten Einrichtungen.
Das Katalyst-Raumfahrzeug erhielt den Namen LINK. Seine Aufgabe bestand darin, sich Swift vorsichtig zu nähern und das Observatorium mit einem robotischen System zu greifen. Anschließend sollte LINK beide Raumfahrzeuge gemeinsam auf eine höhere Bahn bringen. Damit hätte Swift möglicherweise noch mehrere weitere Jahre wissenschaftlich genutzt werden können.
NASA betrachtete den Einsatz deshalb nicht nur als Rettungsmission. Gleichzeitig sollte er zeigen, ob Satelliten, die ursprünglich nicht für Wartungsmissionen ausgelegt wurden, nachträglich von kommerziellen Raumfahrzeugen eingefangen und bewegt werden können. Solche Fähigkeiten könnten künftig für zahlreiche ältere Satelliten von Bedeutung sein.
LINK geriet nach dem Start in Schwierigkeiten
LINK startete am 3. Juli 2026 mit einer Pegasus-XL-Rakete von Northrop Grumman. Die Rakete wurde von einem Trägerflugzeug über dem Pazifik gestartet. Zunächst gelang es, Kontakt zu dem Raumfahrzeug herzustellen und erste Tests im Orbit durchzuführen.
Dann traten Probleme mit der Lageregelung auf.
Ende Juli berichtete NASA, dass zwei der drei Reaktionsräder von LINK nicht mehr einsatzfähig waren. Reaktionsräder dienen dazu, ein Raumfahrzeug im Weltraum präzise auszurichten. Gleichzeitig war die Funktionsfähigkeit eines Kaltgas-Steuerungssystems teilweise eingeschränkt.
LINK begann sich um mehrere Achsen zu drehen. Zeitweise lag die Rotationsgeschwindigkeit bei ungefähr neun Grad pro Sekunde. Dadurch wurde nicht nur die Navigation erschwert, sondern auch die Kommunikation mit dem Raumfahrzeug war zeitweise nur noch eingeschränkt möglich.
Ingenieure von Katalyst konnten die Drehbewegung anschließend deutlich reduzieren. Anfang August meldete NASA Fortschritte bei der Stabilisierung. Zudem wurde neue Flugsoftware auf LINK übertragen. Sie sollte es ermöglichen, das Raumfahrzeug trotz der ausgefallenen Komponenten mit den verbliebenen Steuerungsmöglichkeiten stabil zu halten.
Noch am 11. August erklärte NASA, LINK sei damit grundsätzlich auf weitere Annäherungsmanöver an Swift vorbereitet.
Warum die Rettung von Swift schließlich abgebrochen wurde
Acht Tage später fiel die Entscheidung gegen den eigentlichen Rettungsversuch. NASA und Katalyst teilten am 19. August mit, dass LINK Swift aufgrund der weiterhin bestehenden Probleme mit der Lageregelung nicht einfangen werde.
Das Risiko eines direkten Kontakts zwischen zwei Raumfahrzeugen ist erheblich. Für ein solches Manöver muss das Serviceraumfahrzeug seine Position, Geschwindigkeit und Ausrichtung sehr präzise kontrollieren können. Ein nicht ausreichend beherrschbares Lageregelungssystem hätte sowohl LINK als auch Swift gefährden können.
Ganz beendet ist der Einsatz von LINK deshalb dennoch nicht. Nach Angaben der NASA soll das Raumfahrzeug weiterhin versuchen, sich Swift anzunähern und sogenannte Rendezvous- und Proximity-Operationen durchzuführen. Dabei können Verfahren für die Navigation und Annäherung an ein anderes Raumfahrzeug erprobt werden, ohne Swift tatsächlich einzufangen.
Der ursprüngliche Zweck der Mission ist damit allerdings nicht mehr erreichbar: LINK wird die Umlaufbahn von Swift nicht anheben.
Wann stürzt Swift auf die Erde?
Ein genauer Termin für den Wiedereintritt lässt sich derzeit nicht nennen. Die weitere Entwicklung hängt unter anderem von der Sonnenaktivität, der Dichte der oberen Atmosphäre und der Orientierung des Satelliten ab. Schon kleine Veränderungen können bei einem Objekt in einer immer tiefer werdenden Umlaufbahn den Zeitpunkt des Wiedereintritts deutlich verschieben.
NASA rechnet jedoch damit, dass Swift ohne eine Anhebung seiner Umlaufbahn wahrscheinlich noch 2026 in die Atmosphäre eintreten wird. Je niedriger der Satellit gelangt, desto stärker wird der atmosphärische Widerstand. Schließlich entsteht ein sich selbst verstärkender Prozess: Swift verliert schneller an Höhe, trifft auf dichtere Atmosphärenschichten und wird dadurch noch stärker abgebremst.
Von einem klassischen „Absturz“ sollte dabei nur vereinfacht gesprochen werden. Swift wird nicht plötzlich senkrecht zur Erde fallen. Das Observatorium wird zunächst seine Erde umkreisende Bahn immer weiter verlieren und schließlich mit hoher Geschwindigkeit in dichtere Atmosphärenschichten eintreten.
Ein großer Teil des Raumfahrzeugs dürfte durch die dabei entstehende Hitze zerstört werden. Ob einzelne Bauteile die Erdoberfläche erreichen könnten und über welchem Gebiet der Wiedereintritt erfolgen wird, kann erst wesentlich näher am tatsächlichen Ereignis abgeschätzt werden.
Was Swift mehr als 20 Jahre lang beobachtet hat
Das bevorstehende Ende betrifft ein Observatorium, das seine ursprünglich vorgesehene Lebensdauer um ein Vielfaches übertroffen hat. Swift wurde vor allem entwickelt, um Gammastrahlenausbrüche zu untersuchen. Diese extrem energiereichen Ereignisse entstehen unter anderem beim Kollaps massereicher Sterne oder bei der Verschmelzung kompakter Objekte wie Neutronensterne.
Dafür trägt Swift drei aufeinander abgestimmte Instrumente. Das Burst Alert Telescope überwacht große Bereiche des Himmels auf Gammastrahlenausbrüche. Wird ein Ereignis entdeckt, kann sich der Satellit automatisch neu ausrichten. Anschließend untersuchen das X-Ray Telescope und das Ultraviolet/Optical Telescope den Nachglüheffekt im Röntgenlicht sowie im ultravioletten und sichtbaren Bereich.
Diese schnelle Reaktion machte Swift zu einem wichtigen Bestandteil der modernen zeitabhängigen Astronomie. Das Observatorium wurde im Laufe seiner Mission längst nicht mehr nur für Gammastrahlenausbrüche eingesetzt. Es beobachtete unter anderem Supernovae, Schwarze Löcher, aktive Galaxien, stellare Ausbrüche, Kometen und Asteroiden.
2018 erhielt die Mission ihren heutigen Namen Neil Gehrels Swift Observatory. Damit ehrte NASA den Astrophysiker Neil Gehrels, der entscheidend an der Entwicklung der Mission beteiligt gewesen war und als erster wissenschaftlicher Leiter des Projekts fungierte.
Das Ende einer außergewöhnlich langen Mission
Swift sollte ursprünglich zwei Jahre arbeiten. Mehr als 21 Jahre nach dem Start wurde nicht ein technischer Totalausfall seiner wissenschaftlichen Instrumente zum entscheidenden Problem, sondern die langsam dichter werdende Atmosphäre unter seiner Umlaufbahn.
Dass NASA überhaupt versuchte, einen so alten und nicht wartungsfähigen Satelliten nachträglich im Weltraum einzufangen, macht die letzten Monate der Mission ungewöhnlich. Der Versuch ist in seinem eigentlichen Ziel gescheitert, könnte aber dennoch Erfahrungen für künftige Wartungs- und Servicemissionen liefern.
Für Swift selbst läuft nun die Zeit ab. Solange das Observatorium seine Bahn hält, bleibt es ein Raumfahrzeug im Erdorbit. Irgendwann in den kommenden Monaten dürfte aus der seit 2004 andauernden Reise jedoch ein letzter Umlauf werden. Nach mehr als zwei Jahrzehnten der Beobachtung kosmischer Explosionen wird Swift dann voraussichtlich selbst als leuchtender Wiedereintritt in der Erdatmosphäre enden.
Quellen
▪︎ NASA – NASA Updates Next Steps for Commercial Swift Boost Mission, 19. August 2026
▪︎ NASA Science – Swift Boost Mission und Missionschronologie
▪︎ NASA Science – NASA’s Swift Mission Transitions Ops to Prep for Orbit Boost, 11. Februar 2026
▪︎ NASA Science – NASA Swift Boost Spacecraft Prepares to Continue Mission, 11. August 2026
▪︎ NASA Science – Commissioning Update for Spacecraft to Boost NASA’s Swift, 28. Juli 2026
▪︎ NASA Science – LINK Spacecraft Recovery Progressing for NASA’s Swift Boost, 6. August 2026
▪︎ NASA – NASA Awards Company to Attempt Swift Spacecraft Orbit Boost, 24. September 2025
▪︎ NASA Goddard – Neil Gehrels Swift Observatory Missionsinformationen
▪︎ Aerospace America – NASA calls off Swift observatory boost attempt, citing control issue, 19. August 2026
▪︎ SpacePolicyOnline – No-Go for Katalyst’s Reboost of NASA’s Swift Observatory, 19. August 2026
