Blue Origin und Deutschland Wie Augsburg an der New Glenn beteiligt ist

Wenn eine New Glenn von Cape Canaveral abhebt, richtet sich der Blick normalerweise auf Florida, auf die gewaltige Rakete von Blue Origin und auf Jeff Bezos’ Versuch, sich neben SpaceX als zweiter großer privater Anbieter schwerer Trägerraketen zu etablieren. Ein Teil der Geschichte führt jedoch über den Atlantik nach Deutschland – genauer nach Augsburg. Dort sitzt mit MT Aerospace ein Unternehmen, dessen Name seit Jahrzehnten eng mit dem europäischen Raketenbau verbunden ist. Liefer- und Zolldaten zeigen inzwischen, dass Komponenten aus diesem Umfeld auch an Blue Origin gehen und dabei Bezeichnungen tragen, die unmittelbar auf die Stufen der New Glenn verweisen.

Die Verbindung ist bemerkenswert, weil sie kaum öffentlich thematisiert wird. Blue Origin bezeichnet New Glenn als amerikanische Rakete und fertigt einen großen Teil ihrer Systeme selbst in den USA. Gleichzeitig zeigt sich an Augsburg, wie international selbst ein solches Raumfahrtprogramm im Hintergrund sein kann. Die Spur beginnt bereits Jahre vor dem Erstflug.

Eine Vereinbarung aus dem Jahr 2018

Der erste öffentlich dokumentierte Kontakt reicht bis zum 2. Oktober 2018 zurück. Auf dem International Astronautical Congress in Bremen unterzeichneten Blue Origin, die deutsche Raumfahrtgruppe OHB und deren Tochtergesellschaft MT Aerospace eine Absichtserklärung über eine mögliche Zusammenarbeit.

Damals stand noch nicht die Lieferung konkreter Bauteile für eine fliegende New Glenn im Mittelpunkt. Die Unternehmen wollten prüfen, auf welchen Gebieten sie künftig zusammenarbeiten könnten. Genannt wurden unter anderem Blue Origins Mondlander Blue Moon sowie eine mögliche gemeinsame Nutzlast auf einer New-Glenn-Mission.

Für MT Aerospace war die Verbindung naheliegend. Das Unternehmen besitzt jahrzehntelange Erfahrung mit großen Raketenstrukturen und Tanks. Am Standort Augsburg entstanden und entstehen unter anderem wesentliche Bauteile für die europäischen Ariane-Trägerraketen. Zu den Spezialgebieten gehören Leichtbaustrukturen aus Metall und Verbundwerkstoffen sowie Fertigungsverfahren wie Drückwalzen, Spinformen und komplexe Schweißtechniken.

Dass aus dem Dialog von 2018 später eine konkrete industrielle Beziehung entstand, wurde öffentlich zunächst kaum sichtbar. Hinweise darauf finden sich nicht in großen Ankündigungen von Blue Origin, sondern an einer wesentlich unscheinbareren Stelle: in internationalen Fracht- und Importaufzeichnungen.

Lieferungen aus Augsburg an Blue Origin

Öffentlich zugängliche Handels- und Frachtinformationen führen MT Aerospace als Lieferanten von Blue Origin auf. Als Anschrift des deutschen Unternehmens erscheint dabei die Franz-Josef-Strauß-Straße in Augsburg. Besonders aufschlussreich sind die Bezeichnungen der versandten Teile.

In Datensätzen aus den Jahren 2025 und 2026 tauchen unter anderem Begriffe wie „GS2 Forward“, „GS2 Common“ und „GS2 Aft“ auf. Andere Sendungen enthalten die Bezeichnung „GS1 Forward“. Im Juli 2026 wurden außerdem Teile mit Beschreibungen wie „Spun Cap GS2 Aft Assembly“, „GS2 CMN Assembly“ und „GS2 FWD Assembly“ für Blue Origin erfasst.

Diese Kürzel sind entscheidend. Blue Origin selbst bezeichnet die erste Stufe der New Glenn als GS1 und die zweite Stufe als GS2. Der Zusammenhang mit dem New-Glenn-Programm ist deshalb wesentlich stärker als eine bloße Vermutung aufgrund des Empfängers.

Bei einigen Lieferungen werden die Produkte zudem ausdrücklich als Aluminiumsegmente für Trägerraketen beziehungsweise als Luft- und Raumfahrtteile bezeichnet. Damit lässt sich belastbar feststellen, dass MT Aerospace Bauteile an Blue Origin liefert, deren Kennzeichnungen mit den Stufen der New Glenn übereinstimmen.

Was öffentlich nicht eindeutig dokumentiert ist, ist die genaue technische Funktion jedes einzelnen Augsburger Bauteils. Weder Blue Origin noch MT Aerospace haben bislang eine detaillierte Liste veröffentlicht, aus der hervorgeht, welches Teil an welcher Position der Rakete eingebaut wird. Auch die Handelsdaten allein erlauben keine vollständige Rekonstruktion der Konstruktion.

Die Bezeichnung „Spun Cap“ ist jedoch auffällig. MT Aerospace verfügt über besondere Erfahrung mit dem Spinformen großer metallischer Strukturen. Bei diesem Verfahren wird Metall über eine Form gebracht und unter Rotation schrittweise in die gewünschte Geometrie gebracht. Solche Techniken eignen sich unter anderem für leichte, rotationssymmetrische Raumfahrtstrukturen. Dass entsprechende Teile in Verbindung mit GS2 geliefert werden, passt daher zu den bekannten Fertigungskompetenzen des Augsburger Unternehmens. Daraus sollte allerdings nicht ohne zusätzliche technische Unterlagen geschlossen werden, dass es sich bei jedem dieser Bauteile um einen bestimmten Tankboden oder eine exakt definierte Raketenkomponente handelt.

Was GS2 bei New Glenn bedeutet

Die zweite Stufe der New Glenn ist ein zentraler Teil des Trägersystems. Sie besitzt einen Durchmesser von sieben Metern und wird von zwei BE-3U-Triebwerken angetrieben. Als Treibstoffe verwendet sie flüssigen Wasserstoff und flüssigen Sauerstoff. Nach der Trennung von der wiederverwendbaren ersten Stufe übernimmt sie den weiteren Transport der Nutzlast in den vorgesehenen Orbit.

Blue Origin testete die vollständig integrierte zweite Stufe im September 2024 erstmals bei einem Triebwerkslauf am Boden. Dabei bezeichnete das Unternehmen sie ausdrücklich als GS2. Auch bei späteren Tests und Missionsbeschreibungen verwendet Blue Origin die Kürzel GS1 und GS2 für die beiden Raketenstufen.

Damit bekommt die Bezeichnung in den Lieferunterlagen eine klare Bedeutung. Wenn MT Aerospace Teile mit Kennzeichnungen wie „GS2 Forward“, „GS2 Common“ oder „GS2 Aft“ an Blue Origin versendet, verweist dies auf unterschiedliche Bereiche der zweiten New-Glenn-Stufe. „Forward“ bezeichnet dabei grundsätzlich den vorderen, „Aft“ den hinteren Bereich einer Struktur. Welche Abmessungen und Aufgaben die gelieferten Baugruppen im Detail besitzen, bleibt öffentlich jedoch offen.

Bemerkenswert ist auch, dass die dokumentierten Lieferungen nicht auf einen einzelnen Prototyp beschränkt sind. Sie tauchen über einen längeren Zeitraum auf. Noch im Mai und Juli 2026 sind entsprechende Sendungen verzeichnet. Das spricht dafür, dass die Verbindung zwischen MT Aerospace und Blue Origin nicht nur aus der Entwicklungsphase der New Glenn stammt.

Vom Augsburger Werk bis Cape Canaveral

Die Lieferkette verbindet damit zwei sehr unterschiedliche Raumfahrtstandorte. Augsburg besitzt eine lange industrielle Tradition im europäischen Raketenbau. Cape Canaveral in Florida ist dagegen einer der wichtigsten Startplätze der amerikanischen Raumfahrt.

New Glenn startete dort erstmals am 16. Januar 2025. Blue Origin gelang es bereits beim ersten Versuch, die zweite Stufe mit der Nutzlast in den vorgesehenen Orbit zu bringen. Die Landung der ersten Stufe auf einer Plattform im Atlantik scheiterte zwar, doch das wichtigste Ziel des Jungfernflugs war erreicht.

Beim zweiten Flug am 13. November 2025 gelang Blue Origin ein weiterer Schritt. New Glenn transportierte die beiden NASA-Sonden ESCAPADE auf den ersten Abschnitt ihrer Reise zum Mars, und diesmal konnte auch die wiederverwendbare erste Stufe auf der Plattform Jacklyn im Atlantik landen. Im April 2026 folgte der dritte Flug mit einem Kommunikationssatelliten von AST SpaceMobile.

Das Programm verlief dennoch nicht ohne Rückschläge. Am 28. Mai 2026 kam es während eines Bodentests einer New Glenn am Launch Complex 36 zu einem schweren Zwischenfall. Blue Origin teilte anschließend mit, dass erste Analysen auf den hinteren Bereich der ersten Stufe hindeuteten. Teile der Startanlage wurden beschädigt. Das Unternehmen begann daraufhin mit Reparaturen und einer veränderten Integrationsstrategie und kündigte an, New Glenn noch 2026 wieder starten zu wollen.

Mit dem Ausbau der Startinfrastruktur und weiteren Raketen in Produktion gewinnt auch die Lieferkette hinter New Glenn an Bedeutung. Genau hier wird der Augsburger Anteil interessant.

Eine amerikanische Rakete mit europäischen Verbindungen

Blue Origin betont bei New Glenn stark die amerikanische Fertigung. Die BE-4-Triebwerke der ersten Stufe und die BE-3U-Triebwerke der zweiten Stufe werden in den USA hergestellt. Die Rakete wird in Florida zusammengebaut und startet von Cape Canaveral.

Das steht einer Beteiligung ausländischer Zulieferer jedoch nicht entgegen. Große Raumfahrtprogramme bestehen aus umfangreichen Lieferketten, in denen spezialisierte Unternehmen bestimmte Materialien, Strukturen oder Fertigungsschritte übernehmen. MT Aerospace besitzt gerade bei großen metallischen Raketenstrukturen Kompetenzen, die über Jahrzehnte im europäischen Ariane-Programm aufgebaut wurden.

Für die deutsche Raumfahrtindustrie ist diese Verbindung deshalb auch wirtschaftlich interessant. Augsburg ist nicht nur Teil der europäischen Ariane-Lieferkette, sondern offenbar zugleich in ein amerikanisches kommerzielles Großraketenprogramm eingebunden. Damit erreicht Technologie und Fertigungserfahrung aus dem europäischen Raketenbau einen Markt, der inzwischen stark von privaten Raumfahrtunternehmen geprägt wird.

Wie groß der Anteil von MT Aerospace an New Glenn insgesamt ist, lässt sich aus öffentlich zugänglichen Informationen allerdings nicht bestimmen. Es gibt weder Angaben zum Auftragsvolumen noch zur Anzahl der Teile pro Rakete oder zur Laufzeit eines möglichen Liefervertrags. Ebenso wenig ist öffentlich bestätigt, ob sämtliche in den Frachtunterlagen genannten Baugruppen tatsächlich in Flughardware eingebaut wurden oder teilweise für Produktion, Tests oder weitere Verarbeitung bestimmt waren.

Genau diese Grenze ist für die Einordnung wichtig. Sicher belegt sind die Geschäftsbeziehung, die Lieferungen von MT Aerospace an Blue Origin und die mit New-Glenn-Stufen übereinstimmenden GS1- und GS2-Bezeichnungen. Nicht öffentlich dokumentiert sind dagegen die vollständige technische Rolle und der Umfang des Augsburger Anteils.

Von Ariane zu New Glenn

Gerade darin liegt die eigentliche Bedeutung der Verbindung. Augsburg gehört seit Jahrzehnten zu den Orten, an denen große europäische Raketenstrukturen entstehen. Dass ausgerechnet dort nun auch Komponenten für ein Programm von Blue Origin gefertigt beziehungsweise vorbereitet werden, zeigt, wie sich die Raumfahrtindustrie verändert.

Die alten Grenzen zwischen nationalen und kommerziellen Raumfahrtprogrammen werden durchlässiger. Europäische Spezialisten arbeiten nicht mehr ausschließlich für europäische Trägerraketen, während amerikanische Unternehmen zunehmend auf eine internationale industrielle Basis zurückgreifen können.

Wenn New Glenn in Florida auf dem Startplatz steht, bleibt Augsburg Tausende Kilometer entfernt. Doch hinter den blauen und weißen Außenflächen der Rakete steckt offenbar auch deutsches Know-how. Die New Glenn ist damit nicht nur ein Projekt von Jeff Bezos und Blue Origin, sondern zugleich ein Beispiel dafür, wie weit verzweigt die Lieferketten der neuen kommerziellen Raumfahrt inzwischen sind.

Quellen
▪︎ OHB SE – Absichtserklärung zur Zusammenarbeit mit Blue Origin, 2. Oktober 2018
▪︎ OHB SE – Q3/9M-Zwischenbericht 2018
▪︎ MT Aerospace – Unternehmensinformationen zu Raumfahrtstrukturen und Fertigungstechnologien
▪︎ Blue Origin – New Glenn, technische Informationen zum Trägersystem
▪︎ Blue Origin – New Glenn Second Stage Hotfire, September 2024
▪︎ Blue Origin – New Glenn Mission NG-1, Januar 2025
▪︎ Blue Origin – New Glenn Mission NG-2, November 2025
▪︎ Blue Origin – New Glenn Mission NG-3, April 2026
▪︎ Blue Origin – New Glenn Return to Flight, Juni 2026
▪︎ US-Fracht- und Importaufzeichnungen zu Lieferungen von MT Aerospace an Blue Origin, ausgewertet über ImportKey