Noch im Sommer 2006 gehörte Lisa Nowak zu einem kleinen Kreis von Menschen, die es bis ins All geschafft hatten. Die amerikanische Marineoffizierin und Ingenieurin flog mit der Raumfähre Discovery zur Internationalen Raumstation und kehrte nach fast 13 Tagen als erfahrene Astronautin zur Erde zurück. Sieben Monate später wurde sie auf einem Parkplatz am Flughafen von Orlando festgenommen. Aus einer privaten Beziehungsgeschichte war ein Kriminalfall geworden, der weltweit Schlagzeilen machte und Nowaks Laufbahn bei der NASA innerhalb weniger Wochen beendete.
Der Fall wurde auch deshalb so bekannt, weil sich schon kurz nach der Festnahme ungewöhnliche Einzelheiten verbreiteten. Berichtet wurde von einer rund 1.500 Kilometer langen Autofahrt von Houston nach Orlando, einer Perücke, Pfefferspray und Windeln im Auto. Besonders die Geschichte von den Windeln entwickelte ein Eigenleben und wurde zum festen Bestandteil zahlloser Berichte über den Fall. Vieles davon lässt sich anhand der damaligen Ermittlungen nachvollziehen. Andere Details wurden im Laufe der Jahre verkürzt oder zugespitzt.
Wer war Lisa Nowak?
Lisa Marie Nowak wurde am 10. Mai 1963 in Washington, D.C. geboren. Sie studierte Luft- und Raumfahrttechnik an der United States Naval Academy und schloss später ein weiterführendes Studium in Luftfahrttechnik an der Naval Postgraduate School ab. Anschließend machte sie Karriere bei der US Navy.
Nowak wurde Marinefliegerin und absolvierte die Ausbildung an der US Naval Test Pilot School. Sie arbeitete unter anderem mit der F/A-18 und der EA-6B und sammelte nach NASA-Angaben mehr als 1.500 Flugstunden auf über 30 verschiedenen Flugzeugtypen. 1996 wurde sie für das Astronautenprogramm der NASA ausgewählt.
Nach ihrer Ausbildung übernahm Nowak verschiedene Aufgaben im Astronaut Office. Sie arbeitete unter anderem in den Bereichen Einsatzplanung und Robotik und war als Verbindungssprecherin für Besatzungen im All tätig.
Ihre erste und einzige Raumfahrtmission begann am 4. Juli 2006.
Lisa Nowaks Flug mit der Discovery
STS-121 war eine wichtige Mission in einer schwierigen Phase des Space-Shuttle-Programms. Nach der Columbia-Katastrophe von 2003 hatte die NASA zahlreiche Verfahren überarbeitet. Discovery sollte bei STS-121 neue Sicherheitsmaßnahmen erproben und gleichzeitig die Internationale Raumstation versorgen.
Nowak flog als Missionsspezialistin. Während des Starts und der Landung arbeitete sie als Flugingenieurin auf dem Flugdeck. Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehörte die Bedienung der Roboterarme von Shuttle und Raumstation. Damit wurden Astronauten und Ausrüstung während der Außenbordeinsätze bewegt. Außerdem war Nowak an den Inspektionen des Hitzeschutzsystems der Discovery beteiligt.
Die Mission begann am 4. Juli 2006 und endete am 17. Juli. Discovery verbrachte 12 Tage, 18 Stunden und knapp 38 Minuten im All. Für Nowak war damit ein Ziel erreicht, auf das sie jahrelang hingearbeitet hatte.
Nichts deutete damals öffentlich darauf hin, dass ihre Karriere nur wenige Monate später praktisch beendet sein würde.
Was geschah zwischen Lisa Nowak, Bill Oefelein und Colleen Shipman?
Im Mittelpunkt der späteren Ereignisse standen drei Menschen aus dem Umfeld der amerikanischen Raumfahrt und des Militärs. Neben Nowak waren dies der NASA-Astronaut William „Bill“ Oefelein und die Air-Force-Offizierin Colleen Shipman.
Nowak und Oefelein kannten sich aus dem Astronautenkorps. Nach den später veröffentlichten Ermittlungsunterlagen bestand zwischen beiden eine persönliche Beziehung, deren genaue Einordnung später zu einem Gegenstand der Berichterstattung wurde. Gleichzeitig entwickelte sich zwischen Oefelein und Shipman eine Beziehung.
Nowak betrachtete Shipman nach Darstellung der Ermittler als Rivalin. Anfang Februar 2007 entschloss sie sich, von Houston nach Florida zu fahren und Shipman persönlich zu treffen.
Damit begann die Fahrt, die später zu einem der bekanntesten Kapitel der NASA-Geschichte werden sollte.
Warum fuhr Lisa Nowak von Houston nach Orlando?
Die Entfernung von Houston bis Orlando beträgt je nach Strecke rund 1.500 Kilometer. Nowak legte diese Strecke mit dem Auto zurück und erreichte am 5. Februar 2007 den Orlando International Airport.
Shipman kam dort mit einem Flugzeug an. Nowak wartete am Flughafen und folgte ihr anschließend in Richtung eines Parkplatzes. Nach den damaligen Ermittlungsunterlagen trug sie unter anderem eine Perücke und einen Mantel. Shipman bemerkte, dass ihr jemand folgte, und stieg in ihr Auto.
Nowak näherte sich dem Wagen. Nach den polizeilichen Ermittlungen versuchte sie zunächst, mit Shipman ins Gespräch zu kommen. Schließlich öffnete Shipman das Fenster einen Spalt. Dabei setzte Nowak Pfefferspray ein. Shipman konnte den Ort mit ihrem Fahrzeug verlassen und verständigte die Polizei.
Nowak wurde kurze Zeit später festgenommen.
Bei der Durchsuchung ihres Besitzes und ihres Autos fanden Ermittler verschiedene Gegenstände, darunter eine Perücke, Handschuhe, Pfefferspray, ein Messer, eine Druckluft- beziehungsweise BB-Pistole und weitere Ausrüstung. Diese Funde trugen wesentlich dazu bei, dass der Vorfall nicht als einfacher Streit zwischen zwei Personen behandelt wurde.
Trug Lisa Nowak bei der Fahrt wirklich eine Windel?
Kein Detail des Falls wurde so bekannt wie die Behauptung, Nowak habe während der Fahrt von Houston nach Orlando Erwachsenenwindeln getragen, um unterwegs keine Toilettenpausen machen zu müssen.
Tatsächlich fanden Ermittler Windeln in ihrem Auto. In frühen Polizeiberichten wurde außerdem festgehalten, dass Nowak entsprechende Angaben gemacht habe. Später bestritt sie jedoch, während der Fahrt Windeln getragen zu haben. Auch ihre Anwälte widersprachen der Darstellung.
Damit muss zwischen zwei Punkten unterschieden werden: Dass sich Windeln im Fahrzeug befanden, ist dokumentiert. Dass Nowak sie während der gesamten Fahrt trug, ist dagegen nicht in derselben Weise gesichert und wurde von ihr ausdrücklich bestritten.
Die Unterscheidung ging in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend verloren. Der Fall wurde international häufig auf die Geschichte von der Astronautin reduziert, die mit Windeln quer durch die Vereinigten Staaten gefahren sei. Eine komplizierte strafrechtliche Angelegenheit erhielt dadurch einen beinahe grotesken Beigeschmack, der Nowak dauerhaft begleitete.
Welche Vorwürfe wurden gegen Lisa Nowak erhoben?
Nach ihrer Festnahme standen zunächst schwere Anschuldigungen im Raum. Die Polizei beschuldigte Nowak unter anderem des versuchten Kidnappings, des versuchten Einbruchs in ein Fahrzeug unter Anwendung von Gewalt, der Körperverletzung und der Vernichtung von Beweismitteln.
Der Fall entwickelte sich anschließend über mehrere Jahre. Nicht alle ursprünglichen Vorwürfe führten schließlich zu einer Verurteilung. Auch Beweismittel und Aussagen wurden vor Gericht geprüft und teilweise angefochten.
2009 kam es schließlich zu einer Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft. Nowak bekannte sich wegen eines Einbruchsdelikts und einer einfachen Körperverletzung schuldig. Sie wurde zu einem Jahr Bewährung verurteilt. Hinzu kamen gemeinnützige Arbeit und weitere Auflagen. Eine zusätzliche Gefängnisstrafe musste sie nicht verbüßen.
Damit endete der Strafprozess wesentlich weniger spektakulär, als es die ersten Schlagzeilen nach ihrer Festnahme erwarten ließen. Für ihre Karriere waren die Folgen dennoch gravierend.
Wie reagierte die NASA auf den Fall Lisa Nowak?
Für die NASA war die Festnahme einer aktiven Astronautin eine außergewöhnliche Situation. Nowak war zudem keine zivile NASA-Angestellte, sondern Offizierin der US Navy und für ihre Tätigkeit als Astronautin zur Raumfahrtbehörde abkommandiert.
Unmittelbar nach dem Vorfall wurde sie von ihren Aufgaben entbunden. Anfang März 2007 teilte die NASA mit, dass ihre Abordnung zur Raumfahrtbehörde beendet werde. Am 8. März kehrte sie offiziell in den Dienst der Marine zurück.
Damit war Lisa Nowak die erste Astronautin beziehungsweise der erste Astronaut, dessen Abordnung zur NASA auf diese Weise vorzeitig beendet wurde.
Die NASA betonte damals, dass diese Entscheidung keine Bewertung ihrer strafrechtlichen Schuld darstelle. Die Behörde verfügte aufgrund von Nowaks Status als Marineoffizierin nicht über dieselben disziplinarischen Möglichkeiten wie bei einer eigenen zivilen Beschäftigten.
Der Fall löste innerhalb der NASA dennoch eine grundsätzliche Diskussion aus.
Veränderte der Lisa-Nowak-Fall die psychologische Betreuung der Astronauten?
Nach der Festnahme stellte sich schnell die Frage, ob es vorher Warnsignale gegeben hatte und ob die psychologische Betreuung von Astronauten ausreichend war. Das Johnson Space Center untersuchte deshalb seine medizinischen und verhaltensmedizinischen Verfahren.
Die interne Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass keine Hinweise bekannt gewesen seien, anhand derer sich die späteren Ereignisse zuverlässig hätten vorhersagen lassen. Dennoch wurden Verbesserungen bei der psychologischen Betreuung und Beurteilung von Astronauten empfohlen.
Der Vorfall machte ein grundsätzliches Problem sichtbar. Astronauten werden zwar intensiv medizinisch untersucht und stehen während ihrer Ausbildung und ihrer Missionen unter genauer Beobachtung. Trotzdem bleiben sie Menschen, deren private Krisen nicht zwangsläufig durch technische Auswahlverfahren oder medizinische Untersuchungen vorhersehbar sind.
Gerade weil Astronauten öffentlich häufig als besonders belastbar, diszipliniert und kontrolliert wahrgenommen werden, wirkte der Fall Nowak auf viele Menschen so außergewöhnlich.
Was geschah mit Lisa Nowak nach ihrer Entlassung aus dem Astronautenkorps?
Nach ihrer Rückkehr zur US Navy wurde Nowak unter anderem beim Chief of Naval Air Training in Corpus Christi in Texas eingesetzt. Ihre militärische Laufbahn lief damit zunächst weiter, doch auch dort blieb der Vorfall nicht ohne Konsequenzen.
2010 empfahl ein Untersuchungsgremium der Marine, Nowak mit einer Einstufung „other than honorable“ aus dem Dienst ausscheiden zu lassen und ihren Rang von Captain auf Commander herabzusetzen. Die Entscheidung wurde 2011 bestätigt.
Am 1. September 2011 schied Lisa Nowak aus der US Navy aus. Sie verließ den Dienst damit in einem niedrigeren Rang als dem, den sie zuvor erreicht hatte.
Eine Karriere, die sie von der Naval Academy über die Testpilotenausbildung bis in das Astronautenkorps und schließlich ins All geführt hatte, war beendet.
Warum wurde der Fall Lisa Nowak so berühmt?
Straftaten und private Konflikte sind auch unter prominenten Menschen nichts Ungewöhnliches. Der Fall Nowak erhielt jedoch eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit, weil mehrere Faktoren zusammenkamen.
Da war zunächst ihre Stellung als Astronautin. Nur wenige Monate vor ihrer Festnahme hatte Nowak noch in einer Raumfähre die Erde umkreist. Astronauten verkörperten in der öffentlichen Wahrnehmung technisches Können, Disziplin und außergewöhnliche Belastbarkeit. Der abrupte Gegensatz zwischen diesem Bild und den Ereignissen auf einem Flughafenparkplatz war entsprechend groß.
Hinzu kamen die ungewöhnlichen Details der Geschichte. Eine kilometerlange Autofahrt, eine Perücke, Pfefferspray, eine romantische Rivalität und schließlich die Geschichte mit den Windeln boten genau jene Bestandteile, die aus einem ernsten Kriminalfall eine internationale Sensationsgeschichte machten.
Gerade die Windelgeschichte zeigt jedoch, wie schnell sich eine einzelne Behauptung von den gesicherten Fakten lösen kann. Dass Windeln im Auto gefunden wurden, ist belegt. Dass Nowak sie tatsächlich während der langen Fahrt getragen habe, wurde von ihr bestritten. In vielen späteren Darstellungen wurde aus dieser Unsicherheit trotzdem eine feststehende Tatsache.
Was blieb vom ungewöhnlichsten Skandal der NASA-Geschichte?
Lisa Nowaks Raumfahrtkarriere bestand aus einem einzigen Flug. STS-121 war eine anspruchsvolle und erfolgreiche Mission, bei der sie verantwortungsvolle Aufgaben während einer wichtigen Phase des Shuttle-Programms übernahm. Nach ihrem Flug hätte ihre Laufbahn im Astronautenkorps durchaus weitergehen können.
Stattdessen wird ihr Name heute weit häufiger mit den Ereignissen vom Februar 2007 verbunden als mit ihren fast 13 Tagen im Weltraum.
Das macht die Geschichte auch im Rückblick bemerkenswert. Innerhalb von sieben Monaten veränderte sich die öffentliche Wahrnehmung Lisa Nowaks vollständig. Im Juli 2006 war sie eine Astronautin, die mit Discovery von der Internationalen Raumstation zurückkehrte. Im Februar 2007 saß sie in Florida in Polizeigewahrsam. Einen Monat später war ihre Tätigkeit bei der NASA beendet.
Der Fall erzählt deshalb nicht nur von einer persönlichen Krise und einem strafrechtlichen Verfahren. Er zeigt auch, wie schnell das sorgfältig aufgebaute öffentliche Bild eines Astronauten zerbrechen kann. Die Menschen in Raumanzügen werden für ihre Missionen außergewöhnlich ausgewählt und ausgebildet. Außerhalb ihrer Raumschiffe bleiben sie dennoch Menschen mit denselben persönlichen Konflikten und Fehlentscheidungen wie andere auch.
Quellen
▪︎ NASA – Biographical Data Lisa M. Nowak
▪︎ NASA – STS-121 Mission
▪︎ NASA – Aeronautics and Astronautics: A Chronology 2007
▪︎ NASA Office of Inspector General – Astronaut Behavioral Health Care Assessment
▪︎ Associated Press – Berichte zum Verfahren und zum Ausscheiden aus der US Navy
