Auf den ersten Blick scheint die Frage beinahe absurd. Mars ist übersät mit Kratern, Ebenen, Vulkanen, Schluchten und Bergen – warum sollte ausgerechnet eine Pyramide dort etwas Besonderes sein? Doch in einer Landschaft namens Cydonia Mensae befinden sich mehrere isolierte Erhebungen, deren Formen seit Jahrzehnten ganz andere Vorstellungen ausgelöst haben. Auf Bildern der Viking-Sonden glaubten manche Beobachter nicht nur das berühmte „Marsgesicht“ zu erkennen. In seiner Umgebung sollten sich Pyramiden, geometrisch angeordnete Hügel und sogar die Überreste einer ganzen Stadt befinden.
Im Mittelpunkt dieser Vorstellungen steht eine Formation, die als D&M-Pyramide bekannt wurde. Gemeinsam mit dem Marsgesicht bildet sie den Kern einer weitreichenden Theorie: Cydonia sei möglicherweise keine gewöhnliche Landschaft, sondern ein stark erodierter archäologischer Komplex. Einige ihrer Vertreter gingen noch weiter und suchten in den Positionen und Winkeln der Formationen mathematische und astronomische Muster.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob es auf dem Mars Berge gibt, die wie Pyramiden aussehen. Solche Formen existieren tatsächlich. Entscheidend ist, ob irgendein belastbarer Hinweis darauf hindeutet, dass sie gebaut wurden.
Cydonia ist eine ungewöhnliche Landschaft – aber keine unerklärliche
Cydonia Mensae liegt in einer Übergangszone zwischen den älteren, stärker verkraterten Hochländern von Arabia Terra und den tiefer gelegenen Ebenen des nördlichen Mars. Gerade dieser geologische Übergang hat eine Landschaft hinterlassen, die voller einzelner Tafelberge, Hügel, Felsblöcke und isolierter Hochflächen ist. Die US-amerikanische Geological Survey beschreibt Cydonia entsprechend als Gebiet mit zahlreichen Hügeln und Mesas, die teilweise in langgezogenen Gruppen auftreten.
Diese Formen sind Überreste einer wesentlich ausgedehnteren Landschaft. Material wurde über sehr lange Zeiträume abgetragen, während widerstandsfähigere Bereiche stehen blieben. NASA-Aufnahmen des Mars Odyssey zeigen eine Region, in der einst zusammenhängende Schichten durch Erosion weitgehend verschwunden sind und heute nur noch einzelne Erhebungen zurückbleiben. Hinweise auf Eis und Wasser spielen bei der geologischen Geschichte der Region ebenfalls eine Rolle.
Gerade solche Landschaften können erstaunlich regelmäßige Formen hervorbringen. Eine isolierte Erhebung kann von einer bestimmten Richtung betrachtet dreieckig wirken, eine andere beinahe rechteckig. Schatten verstärken Kanten, während geringe Bildauflösungen kleine Unebenheiten verschwinden lassen. Beim Marsgesicht wurde genau dieser Effekt besonders eindrucksvoll sichtbar: Auf den Viking-Aufnahmen von 1976 schienen Licht und Schatten Augen, Nase und Mund zu bilden. Spätere Bilder mit wesentlich höherer Auflösung zeigten dagegen eine stark erodierte natürliche Erhebung.
Bei den angeblichen Pyramiden von Cydonia liegt ein ähnliches Problem vor.
Was ist die D&M-Pyramide auf dem Mars?
Die bekannteste pyramidenartige Formation von Cydonia befindet sich ungefähr bei 40,7 Grad nördlicher Breite und 9,6 Grad westlicher Länge. Sie erhielt den Namen D&M-Pyramide nach Vincent DiPietro und Gregory Molenaar, die sich mit den Viking-Aufnahmen von Cydonia beschäftigten. Richard C. Hoagland machte die Formation später zu einem wichtigen Bestandteil seiner Theorie über künstliche Monumente auf dem Mars.
Auf älteren Bildern lässt sich durchaus nachvollziehen, warum die Formation Aufmerksamkeit erregte. Ihre Umrisse erscheinen teilweise kantig, und aus bestimmten Darstellungen lässt sich eine mehrseitige pyramidenähnliche Grundform herauslesen. Daraus entwickelte sich die Vorstellung eines gewaltigen, inzwischen stark beschädigten Bauwerks.
Doch die Bezeichnung „Pyramide“ ist bereits eine Interpretation.
NASA veröffentlichte 2003 wesentlich detailliertere Aufnahmen der Formation, zusammengesetzt aus Daten des Mars Global Surveyor und von Mars Odyssey. Darauf zeigt sich kein klar abgegrenzter geometrischer Baukörper. Die Erhebung besitzt vielmehr unregelmäßige Flanken, Erosionsspuren, verschiedene Gesteinsschichten und große Bereiche, die von später abgelagertem Material bedeckt sind. NASA ordnet sie ausdrücklich in die Tausenden natürlichen Massifs, Mesas, Hügel und Felsreste ein, die für die Übergangszone von Cydonia charakteristisch sind.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Die D&M-Pyramide existiert tatsächlich – wenn damit die geografische Formation gemeint ist, die diesen Spitznamen trägt. Nicht belegt ist dagegen, dass es sich um eine Pyramide im architektonischen Sinn handelt.
Es wurden keine regelmäßigen Steinlagen, Mauern, Eingänge, künstlichen Plattformen oder anderen baulichen Merkmale nachgewiesen. Auch die detaillierteren Bilder lieferten keinen Befund, der eine künstliche Entstehung notwendig machen würde. Die beobachtete Form lässt sich innerhalb der bekannten Geologie Cydonias erklären.
Gab es eine Stadt in Cydonia?
Noch eindrucksvoller wird die Geschichte, wenn man den Blick von der einzelnen „Pyramide“ auf ihre Umgebung richtet. Auf Viking-Bildern befinden sich dort mehrere voneinander getrennte Erhebungen. Einige Anhänger der Cydonia-Theorie bezeichneten eine Gruppe davon als „City“, also als Stadt.
Damit entstand ein faszinierendes Gesamtbild: ein monumentales Gesicht, Pyramiden und eine Ansammlung weiterer Strukturen, die möglicherweise einmal zusammengehört haben könnten. Aus einzelnen Landschaftsformen wurde so allmählich eine vermeintliche Ruinenlandschaft.
Doch auch hier brachte die bessere Auflösung einen entscheidenden Test.
Mars Global Surveyor flog im Juni 1999 erneut über einen Teil des Gebietes und nahm die sogenannten „City“-Formationen mit der Mars Orbiter Camera auf. Die hochauflösenden Aufnahmen zeigten raue Ebenen, natürliche Hügel, Felsblöcke und erodierte Erhebungen. NASA verglich die Landschaft grundsätzlich mit irdischen Regionen, in denen zahlreiche Mesas und Buttes durch Erosion aus ehemals zusammenhängenden Gesteinsschichten herausgearbeitet wurden.
Damit verschwand zwar nicht die Vorstellung von einer Marsstadt aus Büchern, Fernsehsendungen und Internetseiten – wohl aber ihre wichtigste Grundlage. Je genauer Cydonia fotografiert wurde, desto deutlicher erschienen die vermeintlichen Bauwerke als Bestandteil einer zusammenhängenden natürlichen Landschaft.
Das ist für die Bewertung der Theorie bedeutend. Eine tatsächliche archäologische Fundstätte müsste bei zunehmender Auflösung zusätzliche Hinweise auf künstliche Strukturen liefern. Man würde erwarten, dass regelmäßige Grenzen, wiederkehrende Bauelemente oder andere schwer geologisch erklärbare Details sichtbar werden. Bei Cydonia geschah eher das Gegenteil: Die scheinbar klaren Strukturen der frühen Bilder zerfielen bei besserer Beobachtung in geologisch nachvollziehbare Oberflächenformen.
Sind die Bauwerke von Cydonia astronomisch ausgerichtet?
Eine der hartnäckigsten Varianten der Cydonia-Theorie benötigt allerdings keine Mauern oder Eingänge. Sie konzentriert sich auf Geometrie.
Vor allem Richard Hoagland und Erol Torun untersuchten Winkel und angenommene Verbindungslinien zwischen verschiedenen Punkten der D&M-Formation und anderen Landschaftsmerkmalen. Dabei wurden Beziehungen zu bekannten mathematischen Größen sowie bestimmte Winkel hervorgehoben. Aus solchen Übereinstimmungen entstand die Vorstellung einer „Geometrie von Cydonia“: Die Formationen seien möglicherweise absichtlich so angeordnet worden, dass sie mathematische oder astronomische Informationen enthalten.
Das klingt zunächst beeindruckend. Das Problem liegt jedoch darin, wie solche Muster gefunden werden.
Bei einer Landschaft mit zahlreichen Erhebungen gibt es sehr viele mögliche Punkte, zwischen denen Linien gezogen werden können. Je mehr Punkte zur Auswahl stehen und je mehr Winkel, Zahlenverhältnisse oder mathematische Konstanten anschließend geprüft werden, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass einige davon zufällig erstaunlich gut zusammenpassen.
Genau dieses Problem wurde auch mathematisch an den Cydonia-Behauptungen untersucht. Der Mathematiker Ralph Greenberg von der University of Washington analysierte mehrere der für die D&M-Pyramide angegebenen Zahlenverhältnisse und zeigte, dass sich bei genügend Auswahlmöglichkeiten leicht weitere scheinbar bemerkenswerte Beziehungen finden lassen. Einige der behaupteten geometrischen Beziehungen lassen sich zudem nicht gleichzeitig mit hoher Genauigkeit erfüllen.
Das grundlegende statistische Problem besteht darin, dass die gesuchten Muster erst nach Betrachtung der Landschaft ausgewählt werden. Wenn beispielsweise Dutzende Geländepunkte vorhanden sind und anschließend jene Linien hervorgehoben werden, die ungefähr 30, 45, 60 oder einen anderen auffälligen Winkel bilden, darf die Wahrscheinlichkeit nicht so berechnet werden, als wäre genau diese Verbindung bereits vorhergesagt worden.
Eine astronomische Ausrichtung überzeugend nachzuweisen wäre noch schwieriger. Auf der Erde werden solche Fragen bei tatsächlich archäologischen Bauwerken anhand klar bestimmbarer Achsen, eines gesicherten Baukontextes, einer Datierung und möglichst weiterer kultureller Hinweise untersucht. Bei Cydonia fehlt bereits der erste entscheidende Schritt: Es gibt keinen Nachweis dafür, dass die betreffenden Erhebungen Bauwerke sind.
Damit fehlt auch die Grundlage, von einem Architekten oder einer geplanten Orientierung auszugehen.
Warum Cydonia trotzdem so überzeugend wirken kann
Die Geschichte von Cydonia zeigt ungewöhnlich deutlich, wie sehr die Wahrnehmung einer Landschaft von der verfügbaren Bildqualität abhängen kann. Die Viking-Sonden lieferten in den 1970er-Jahren revolutionäre Aufnahmen des Mars, doch verglichen mit späteren Kameras war ihre Detailauflösung begrenzt. Kleine Geländemerkmale verschwanden in einzelnen Bildpunkten, während lange Schatten große Formen betonten.
Spätere Missionen konnten dieselben Gebiete unter anderen Bedingungen und mit erheblich höherer Auflösung beobachten. Mars Global Surveyor erreichte bei bestimmten Aufnahmen Auflösungen im Bereich weniger Meter pro Bildpunkt. Mars Express lieferte zusätzlich hochauflösende Stereoaufnahmen von Cydonia. Das Ergebnis war keine immer deutlichere Ruinenlandschaft, sondern eine immer besser erkennbare Geologie.
Auch das berühmte Marsgesicht fügt sich in dieses Muster ein. In der Umgebung befinden sich zahlreiche vergleichbare Mesas und Hügel. Auf großräumigen Aufnahmen ist das vermeintliche Gesicht nicht einmal besonders leicht aus der Landschaft herauszufinden. NASA-Aufnahmen im sichtbaren und infraroten Bereich zeigen, dass seine Hänge, Terrassen und Gesteinsschichten zu denselben Erosionsprozessen passen, die auch die übrigen Formationen der Region geprägt haben.
Damit muss man die frühen Beobachter nicht für leichtgläubig halten. Die ursprünglichen Viking-Bilder waren tatsächlich ungewöhnlich. Betrachtet man nur einzelne Aufnahmen, lässt sich nachvollziehen, warum die Landschaft Spekulationen auslöste. Wissenschaftlich entscheidend ist jedoch nicht der erste Eindruck, sondern was geschieht, wenn eine Vermutung mit besseren Daten überprüft wird.
Gibt es also Pyramiden auf dem Mars?
Es gibt auf dem Mars Landschaftsformen, die aus bestimmten Perspektiven pyramidenartig aussehen. Die D&M-Pyramide ist eine reale Erhebung, und auch die als „City“ bezeichneten Hügel von Cydonia existieren selbstverständlich. Was nicht nachgewiesen wurde, sind künstliche Pyramiden oder die Überreste einer Stadt.
Die geologische Erklärung benötigt dagegen keine unbekannte Zivilisation. Cydonia liegt in einer Landschaft, in der mächtige Gesteins- und Sedimentschichten im Laufe enormer Zeiträume abgetragen wurden. Zurück blieben isolierte Berge, Tafelberge und Felsmassive – manchmal mit erstaunlichen Formen. Untersuchungen und hochauflösende Aufnahmen von NASA, ESA und USGS passen zu diesem Bild.
Auch die angeblichen geometrischen und astronomischen Beziehungen ändern daran bislang nichts. Interessante Zahlenverhältnisse können in einer großen Menge möglicher Punkte entstehen, ohne dass jemand sie geplant haben muss. Vor allem aber fehlt der unabhängige archäologische Befund, der notwendig wäre, bevor aus einer auffälligen geometrischen Übereinstimmung ein Hinweis auf eine verschwundene Zivilisation werden könnte.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Faszination von Cydonia. Die Landschaft zeigt, wie schnell aus wenigen Pixeln ein Gesicht, aus einem Berg eine Pyramide und aus mehreren Hügeln eine Stadt entstehen kann. Mehr als vier Jahrzehnte später können wir diese Formationen sehr viel genauer betrachten als jene Menschen, die auf den ersten Viking-Bildern etwas Ungeheuerliches zu erkennen glaubten.
Die Pyramiden sind noch da. Nur sehen sie aus der Nähe immer mehr wie Berge aus.
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Quellen
▪︎ NASA / Jet Propulsion Laboratory – Mars Global Surveyor, hochauflösende Aufnahmen der Cydonia-Region
▪︎ NASA Science / Malin Space Science Systems – The Cydonia „D&M Pyramid“ Landform
▪︎ NASA / Mars Odyssey – Cydonia Landscape und Infrarotaufnahmen der Cydonia-Formationen
▪︎ European Space Agency (ESA) – Mars Express, Cydonia Mensae und hochauflösende Stereoaufnahmen
▪︎ U.S. Geological Survey – Geologic Map of Cydonia Mensae–Southern Acidalia Planitia, Mars
▪︎ Ralph Greenberg, University of Washington – mathematische Analyse der behaupteten Geometrie der D&M-Pyramide
