Marsgesicht Was steckt hinter dem Gesicht auf dem Mars

Am 25. Juli 1976 fotografierte die amerikanische Raumsonde Viking 1 eine Landschaft, die auf den ersten Blick nichts Besonderes hätte sein müssen. Zu sehen waren Hügel, Ebenen und stark erodierte Formationen in der Region Cydonia auf der Nordhalbkugel des Mars. Doch eine dieser Erhebungen sah auf dem grobkörnigen Bild erstaunlich vertraut aus: Zwei dunkle Stellen wirkten wie Augenhöhlen, dazwischen schien eine Nase zu liegen, darunter zeichnete sich etwas ab, das einem Mund ähnelte. Aus einem unscheinbaren Tafelberg wurde innerhalb weniger Jahre eines der berühmtesten Rätsel der Raumfahrtgeschichte – das „Gesicht auf dem Mars“.

Heute existieren von derselben Region Aufnahmen, die um ein Vielfaches detaillierter sind als das ursprüngliche Viking-Bild. Sie lassen kaum Zweifel daran, dass sich hinter dem Marsgesicht keine monumentale Statue und kein Bauwerk einer vergangenen Zivilisation verbirgt. Trotzdem ist die Geschichte damit nicht uninteressant geworden. Im Gegenteil: Sie zeigt ungewöhnlich anschaulich, wie Bilder, Erwartungen und die menschliche Wahrnehmung gemeinsam einen Mythos entstehen lassen können.

Ein Foto, das plötzlich wie ein Gesicht aussah

Cydonia liegt im Übergangsgebiet zwischen den stärker zerklüfteten südlichen Hochländern und den vergleichsweise ebenen nördlichen Tiefebenen des Mars. In dieser Landschaft stehen zahlreiche isolierte Hügel und Tafelberge, die als Reste einer über sehr lange Zeit abgetragenen Landschaft erhalten geblieben sind. Genau eine solche Formation geriet 1976 in den Blick der Viking-1-Kamera.

Wenige Tage nach der Aufnahme beschrieb auch eine NASA-Mitteilung die Formation sinngemäß als einen gewaltigen Felsen, der einem menschlichen Kopf ähnele. Wissenschaftler hielten die Erscheinung allerdings schon damals für eine Folge der Beleuchtung, der Geländeform und der dadurch entstehenden Schatten. Die Aufnahme war nicht der Beweis für eine Entdeckung, sondern zunächst eine fotografische Kuriosität.

Das Problem war die Qualität des damaligen Bildmaterials. Die Viking-Orbiter leisteten für ihre Zeit Außergewöhnliches, doch eine kleine Landschaftsstruktur auf einem anderen Planeten ließ sich nicht mit der Detailgenauigkeit abbilden, die spätere Marsmissionen erreichen sollten. Wo nur verhältnismäßig wenige Bildpunkte zur Verfügung stehen, verschwinden kleine Geländeformen. Helle und dunkle Flächen verschmelzen miteinander. Schatten werden zu scheinbar klaren Konturen.

Genau unter solchen Bedingungen kann aus einem Hügel ein Gesicht werden.

Aus einer Felsformation wird ein Mars-Mysterium

Die Vorstellung eines künstlichen Bauwerks gewann vor allem deshalb an Kraft, weil das Gesicht nicht isoliert betrachtet wurde. Auch andere Formationen in Cydonia wurden von Anhängern außergewöhnlicher Deutungen als Pyramiden, Gebäude oder Bestandteile einer ehemaligen Stadt interpretiert. Damit entstand nach und nach ein größeres Bild: Vielleicht, so die Spekulation, hatte es auf dem Mars einst eine intelligente Zivilisation gegeben, die monumentale Bauwerke hinterlassen hatte.

Für diese Vorstellung gab es allerdings keinen belastbaren geologischen oder archäologischen Nachweis. Sie beruhte im Wesentlichen auf der Interpretation von Bildern. Dennoch verbreitete sich die Geschichte weit über astronomische Fachkreise hinaus. Cydonia wurde zu einem festen Bestandteil populärer Marsmythen und fand seinen Weg in Bücher, Fernsehsendungen, Science-Fiction und später ins Internet. Die ESA beschreibt selbst, wie aus dem einzelnen Gesicht schließlich Interpretationen einer ganzen künstlichen Landschaft mit vermeintlichen Pyramiden und einer zerstörten Stadt entstanden.

Das Marsgesicht besaß dabei einen entscheidenden Vorteil gegenüber vielen anderen vermeintlichen Anomalien: Man musste nicht lange erklären, was auf dem Bild zu erkennen sein sollte. Ein menschliches Gesicht erkennt das Gehirn nahezu augenblicklich.

Genau darin liegt wahrscheinlich ein wesentlicher Teil seiner Wirkung.

Warum wir Gesichter sehen, wo keine sind

Die Wahrnehmung bekannter Formen in zufälligen Strukturen wird als Pareidolie bezeichnet. Sie begegnet uns ständig. Menschen entdecken Gesichter in Wolken, Felswänden, Baumrinden, Fassaden oder in der Anordnung von Scheinwerfern und Kühlergrill eines Autos. Besonders empfindlich reagieren wir auf einfache Gesichtsmuster: Zwei Punkte und eine darunterliegende Struktur können bereits ausreichen.

Beim Marsgesicht kam ein weiterer Faktor hinzu. Das Viking-Bild zeigte eine dreidimensionale Landschaft unter einem bestimmten Sonnenstand nur als zweidimensionales Bild. Erhebungen, Vertiefungen und Abbruchkanten erzeugten Schatten, während die begrenzte Auflösung feinere Strukturen verschwinden ließ. Das Gehirn ergänzte, was das Bild selbst nicht eindeutig zeigte.

Damit ließ sich allerdings noch nicht jede Spekulation beenden. Solange kein wesentlich besseres Foto derselben Formation existierte, konnten Anhänger der Bauwerkshypothese argumentieren, dass eine künstliche Struktur weiterhin möglich sei. Das änderte sich erst mehr als zwei Jahrzehnte später.

Mars Global Surveyor kehrt nach Cydonia zurück

Am 5. April 1998 gelang der NASA-Sonde Mars Global Surveyor eine neue Aufnahme des berühmten Hügels. Die Mars Orbiter Camera fotografierte die Formation aus rund 444 Kilometern Entfernung. Die Auflösung lag bei ungefähr 4,3 Metern pro Bildpunkt und war damit etwa zehnmal besser als bei den besten vorherigen Viking-Aufnahmen der Formation.

Nun zeigte sich ein wesentlich komplexeres Gelände. Die scheinbar glatten Gesichtszüge des alten Bildes zerfielen in Felsstrukturen, Hänge, Rinnen und unregelmäßige Oberflächen. Dort, wo das Viking-Foto Augen, Nase und Mund vermuten ließ, erschien keine symmetrische Architektur.

Mars Global Surveyor lieferte später weiteres Bildmaterial. Was zuvor wie eine möglicherweise bewusst geformte Struktur gewirkt hatte, ließ sich zunehmend als natürlicher, stark erodierter Hügel erkennen. Die grundlegende wissenschaftliche Einschätzung von 1976 änderte sich dadurch nicht – sie bekam lediglich erheblich bessere fotografische Belege.

Für die Geschichte des Marsgesichts war das ein entscheidender Moment. Zum ersten Mal stand nicht mehr ein unscharfes Bild gegen eine wissenschaftliche Erklärung. Nun konnte dieselbe Landschaft mit deutlich höherer Auflösung betrachtet werden.

Das Gesicht begann zu verschwinden.

Mars Express liefert den Blick aus einer neuen Generation

Noch eindrucksvoller wurden die Aufnahmen einige Jahre später. Die europäische Sonde Mars Express nahm Cydonia mit der High Resolution Stereo Camera, kurz HRSC, ins Visier. Mehrere Versuche zwischen 2004 und 2006 waren zunächst durch große Aufnahmeentfernungen, Staub und Dunst beeinträchtigt worden. Am 22. Juli 2006 gelangen schließlich während Orbit 3253 hochauflösende Aufnahmen mit einer Bodenauflösung von etwa 13,7 Metern pro Bildpunkt.

Entscheidend war dabei nicht nur die Detailgenauigkeit. Die HRSC kann Gelände stereoskopisch erfassen. Dadurch ließen sich Höheninformationen gewinnen und dreidimensionale Ansichten der Landschaft erstellen. Das vermeintliche Gesicht konnte nun nicht mehr nur als flaches Foto, sondern als tatsächliche Geländeform betrachtet werden.

Zu erkennen ist ein stark erodiertes Restmassiv. Hänge sind abgerutscht, Material wurde im Laufe der geologischen Entwicklung verlagert, und Teile der Formation sind unterschiedlich stark abgetragen. Die ESA beschreibt unter anderem Spuren größerer Massenbewegungen und Geländeabbrüche. Der berühmte Kopf ist damit nicht vollkommen uninteressant – nur aus einem völlig anderen Grund als von den Marsmythen behauptet. Für Planetengeologen erzählen solche Formationen etwas über Erosion, mögliche Eisvorkommen, Hangbewegungen und die Entwicklung der Übergangszone zwischen Hochland und Tiefebene.

Was Cydonia tatsächlich zeigt

Auch hochauflösende Beobachtungen mit Instrumenten späterer Marsmissionen bestätigen das geologische Bild. Aufnahmen aus der Cydonia-Region mit der HiRISE-Kamera des Mars Reconnaissance Orbiter zeigen eine Landschaft voller Hügel, Tafelberge und isolierter Erhebungen. Solche Strukturen können entstehen, wenn bestimmte Gesteinsschichten widerstandsfähiger gegen Erosion sind als ihre Umgebung.

Warum einzelne Bereiche erhalten bleiben, kann unterschiedliche Ursachen haben. Widerstandsfähiges vulkanisches oder magmatisches Gestein kommt ebenso infrage wie Sedimente, die durch mineralische Ablagerungen stärker verfestigt wurden. Einige Oberflächenstrukturen in Cydonia könnten außerdem mit Eis im Untergrund und dessen späterer Veränderung zusammenhängen. Die Region ist deshalb wissenschaftlich durchaus interessant – nur nicht als Fundort einer steinernen Marszivilisation.

Gerade das macht die Geschichte bemerkenswert. Hinter einer spektakulären, aber unbelegten Behauptung befindet sich eine Landschaft, deren wirkliche geologische Vergangenheit wahrscheinlich wesentlich komplizierter ist als das berühmte Foto vermuten lässt.

Hat die NASA etwas vertuscht?

Ein langlebiger Teil des Marsgesicht-Mythos besteht in der Behauptung, Raumfahrtbehörden hätten wenig Interesse an weiteren Aufnahmen gehabt oder Bilder absichtlich so ausgewählt beziehungsweise bearbeitet, dass die vermeintliche Struktur nicht mehr sichtbar sei.

Die tatsächliche Beobachtungsgeschichte spricht dagegen. Mars Global Surveyor wurde gezielt auf die Formation ausgerichtet und fotografierte sie hochauflösend. Mars Express nahm Cydonia wiederholt ins Visier, obwohl mehrere Anläufe wegen ungünstiger Bedingungen keine optimale Bildqualität lieferten. Spätere Marsorbiter untersuchten die Region ebenfalls. Die Daten verschiedener Missionen und Kameras ergeben trotz unterschiedlicher Aufnahmebedingungen dasselbe grundsätzliche Bild: Cydonia besteht aus natürlichen Geländeformationen.

Bemerkenswert ist außerdem, dass die ursprüngliche NASA-Kommunikation selbst zur Bekanntheit des Gesichts beitrug. Die Ähnlichkeit mit einem menschlichen Kopf wurde nicht geheim gehalten, sondern öffentlich erwähnt. Gleichzeitig wurde bereits damals auf die Rolle von Beleuchtung und Schatten hingewiesen. Das spätere Geheimnis entstand deshalb weniger durch fehlende Öffentlichkeit als durch die außergewöhnliche Wirkung des Bildes.

Das Gesicht ist verschwunden – der Mythos nicht

Aus heutiger Sicht ist die zentrale Frage recht eindeutig beantwortet. Es gibt keine belastbaren Hinweise darauf, dass das Marsgesicht künstlich geschaffen wurde. Hochauflösende und teilweise dreidimensionale Aufnahmen verschiedener Raumsonden zeigen einen natürlichen, durch geologische Prozesse geformten Restberg. Seine berühmten Gesichtszüge entstanden aus einer besonderen Kombination von Gelände, Sonnenlicht, Schatten, begrenzter Bildauflösung und menschlicher Wahrnehmung.

Damit gehört das Marsgesicht zu den seltenen Weltraummythen, bei denen sich die Entstehung nahezu Schritt für Schritt nachvollziehen lässt. Zuerst kam ein außergewöhnliches Bild. Dann die Interpretation. Danach jahrzehntelange Spekulation. Schließlich kehrten leistungsfähigere Kameras an denselben Ort zurück.

Und ausgerechnet dadurch wurde Cydonia vielleicht noch interessanter. Nicht weil dort das steinerne Porträt einer verschwundenen Zivilisation steht, sondern weil ein gewöhnlicher Marsberg zeigen konnte, wie wenig es manchmal braucht, damit Menschen in einer fremden Welt etwas Vertrautes entdecken.

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▪︎ Gibt es Pyramiden auf dem Mars? Das Rätsel von Cydonia
▪︎ Hat eine Katastrophe eine Marszivilisation zerstört?

Quellen
▪︎ NASA/JPL-Caltech/Malin Space Science Systems – Mars Global Surveyor, Face on Mars und Mars Orbiter Camera
▪︎ European Space Agency – Mars Express, Cydonia – the Face on Mars
▪︎ ESA/DLR/Freie Universität Berlin – High Resolution Stereo Camera, Cydonia und dreidimensionale Geländedaten
▪︎ NASA/JPL-Caltech/University of Arizona – HiRISE, geologische Formationen der Cydonia-Region