Europa hat einen Mars-Rover, der im Grunde längst fertig ist. Er besitzt sechs Räder, Kameras, ein eigenes Labor und vor allem einen Bohrer, der tiefer in den Marsboden vordringen soll als die Bohrer früherer Rover. Trotzdem steht Rosalind Franklin noch auf der Erde. Seine Geschichte ist zu einer der ungewöhnlichsten europäischen Raumfahrtmissionen geworden: technische Probleme, verschobene Starts und schließlich der Bruch mit Russland haben aus einer ursprünglich für 2022 geplanten Reise eine Mission gemacht, die nach heutigem Stand erst Ende 2028 beginnen soll.
Das Ziel aber ist dasselbe geblieben. Rosalind Franklin soll auf dem Mars nach Hinweisen suchen, die zu einer der größten Fragen der Planetenforschung führen: Gab es dort einmal Leben? Und könnten sich Spuren davon bis heute unter der Oberfläche erhalten haben? Genau für diese Suche wurde der Rover gebaut.
Wann startet der Mars-Rover Rosalind Franklin?
Nach der derzeitigen Planung soll Rosalind Franklin zwischen Oktober und Dezember 2028 starten. Die Reise wird ungewöhnlich lange dauern. Statt einer häufig genutzten direkten Flugbahn von ungefähr sieben bis neun Monaten sieht die aktuelle Missionsplanung eine rund zweijährige Reise vor. Die Landung auf dem Mars ist deshalb für 2030 vorgesehen.
Damit unterscheidet sich die Geschichte von Rosalind Franklin deutlich von der vieler anderer Mars-Rover. Das Fahrzeug selbst wurde bereits vor Jahren gebaut. Airbus fertigte den Rover im britischen Stevenage und lieferte ihn 2019 aus. Eigentlich hätte er zusammen mit einer russischen Landeplattform und auf einer russischen Proton-Rakete starten sollen.
Diese Planung endete 2022. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine setzte die ESA im März 2022 die Zusammenarbeit mit der russischen Raumfahrtorganisation Roskosmos für diese Mission aus. Im Juli desselben Jahres wurde die Kooperation offiziell beendet. Der damals unmittelbar bevorstehende Start konnte damit nicht mehr stattfinden.
Für die ESA bedeutete das mehr als eine einfache Verschiebung. Entscheidende Teile der Mission mussten ersetzt werden. Europa benötigte unter anderem eine neue Landeplattform, während gleichzeitig eine neue Lösung für den Start und weitere technische Komponenten gefunden werden musste.
Inzwischen steht die neue Architektur. Airbus entwickelt wesentliche Systeme der europäischen Landeplattform. Die NASA beteiligt sich unter anderem mit dem Startdienst, Bremstriebwerken für den Lander und kleinen Radioisotop-Heizelementen, die wichtige Systeme des Rovers während der kalten Marsnächte auf Temperatur halten sollen. Im April 2026 begann die NASA offiziell mit der Umsetzung ihres als ROSA bezeichneten Beitrags zur Mission.
Rosalind Franklin ist damit heute eine ESA-geführte Marsmission mit bedeutender Unterstützung der NASA.
Warum dauert die Reise zum Mars bis 2030?
Dass ein 2028 gestarteter Mars-Rover erst 2030 ankommen soll, wirkt zunächst ungewöhnlich. Marsmissionen werden häufig auf relativ schnellen Transferbahnen geschickt. Die Flugbahn von Rosalind Franklin wurde jedoch an die Bedingungen der neu aufgebauten Mission angepasst.
Nach Angaben der ESA ermöglicht die gewählte Konstellation einen Start Ende 2028 und eine Landung 2030. Dabei spielt auch die Jahreszeit auf dem Mars eine Rolle. Die Landung soll so geplant werden, dass die Mission ungünstige globale Staubbedingungen vermeidet.
Die Verzögerung hat damit zumindest einen Nebeneffekt: ESA, NASA und ihre Industriepartner erhalten zusätzliche Zeit, um Rover, Lander und die neu entwickelten Systeme aufeinander abzustimmen. Denn bei einer Marslandung muss eine lange Kette technischer Abläufe funktionieren, bei der ein einzelner Fehler das Ende der gesamten Mission bedeuten kann.
Nach dem Eintritt in die Marsatmosphäre wird die Geschwindigkeit zunächst durch den Hitzeschild und anschließend durch Fallschirme reduziert. In der letzten Phase übernehmen Triebwerke die weitere Abbremsung. Das neue Landesystem soll die Plattform von etwa 45 Metern pro Sekunde am Ende der Fallschirmphase auf weniger als drei Meter pro Sekunde vor dem Aufsetzen abbremsen. Nach der Landung werden Rampen ausgefahren, über die Rosalind Franklin auf die Marsoberfläche fahren kann.
Wo soll Rosalind Franklin auf dem Mars landen?
Das Zielgebiet heißt Oxia Planum. Es liegt in einer tief gelegenen Region am Rand des Chryse-Beckens und wurde nicht zufällig ausgewählt. Dort befinden sich ausgedehnte Vorkommen tonhaltiger Minerale, die sich unter dem Einfluss von flüssigem Wasser gebildet haben. Einige dieser Gesteine sind etwa vier Milliarden Jahre alt.
Damit führt die Mission weit in die Frühgeschichte des Mars zurück.
Heute ist der Planet kalt und trocken. Flüssiges Wasser kann unter den gegenwärtigen Bedingungen an seiner Oberfläche kaum dauerhaft bestehen. In seiner frühen Geschichte war das anders. Flusstäler, Ablagerungen und Minerale zeigen, dass Wasser einst wesentlich stärker an der Gestaltung der Marsoberfläche beteiligt war.
Oxia Planum ist deshalb für Astrobiologen interessant: Die dort freiliegenden Gesteine stammen aus einer Zeit, in der die Bedingungen auf dem Mars erheblich lebensfreundlicher gewesen sein könnten. Zugleich könnten spätere Ablagerungen ältere Schichten über lange Zeit vor Strahlung und chemischer Zersetzung geschützt haben.
Das macht den Ort zu einer Art geologischem Archiv. Rosalind Franklin soll versuchen, darin zu lesen.
Wonach sucht Rosalind Franklin genau?
Der Rover wird nicht über den Mars fahren und nach sichtbaren Fossilien Ausschau halten. Die Suche ist wesentlich subtiler.
Im Mittelpunkt stehen sogenannte Biosignaturen: Strukturen oder chemische Verbindungen, die Hinweise auf biologische Prozesse liefern könnten. Dabei muss allerdings große Vorsicht gelten. Organische Moleküle sind nicht automatisch ein Beweis für Leben. Sie können auch durch nichtbiologische chemische Prozesse entstehen oder beispielsweise durch Meteoriten auf einen Planeten gelangen.
Rosalind Franklin soll deshalb verschiedene Messverfahren miteinander kombinieren. Zunächst untersuchen Kameras und Spektrometer die Umgebung und helfen dabei, geologisch interessante Stellen zu erkennen. Instrumente können Mineralien bestimmen und Informationen über Strukturen unterhalb der Oberfläche liefern. Anschließend kann das Team entscheiden, wo eine Bohrung wissenschaftlich besonders vielversprechend erscheint.
Der entscheidende Unterschied zu bisherigen Marsmissionen liegt dabei unter den Rädern des Rovers.
Warum bohrt Rosalind Franklin zwei Meter tief?
Die Oberfläche des Mars ist für die Erhaltung organischer Moleküle kein günstiger Ort. Sie ist einer intensiven Strahlung ausgesetzt, weil Mars keine dichte Atmosphäre und kein globales Magnetfeld wie die Erde besitzt. Zusätzlich können stark oxidierende Stoffe organisches Material chemisch verändern oder zerstören.
Je tiefer man in den Boden gelangt, desto besser sind mögliche Spuren vor diesen Einflüssen geschützt.
Rosalind Franklin besitzt deshalb ein Bohrsystem, mit dem Proben aus einer Tiefe von bis zu zwei Metern gewonnen werden können. Kein anderer Mars-Rover hat bislang eine solche Kombination aus mobiler Erkundung und gezielter Untersuchung von Material aus dieser Tiefe eingesetzt.
Der Bohrer entnimmt kleine Proben und transportiert sie zum internen Labor. Während der Bohrung kann außerdem das Instrument Ma_MISS die Wände des Bohrlochs spektroskopisch untersuchen und Informationen über die Mineralogie der verschiedenen Schichten sammeln.
Die Tiefe von zwei Metern ist deshalb mehr als eine technische Besonderheit der Mission. Sie gehört zum wissenschaftlichen Grundgedanken von Rosalind Franklin: Wenn empfindliche Spuren früheren Lebens auf dem Mars über Milliarden Jahre überdauert haben, könnten die Chancen auf ihre Erhaltung unter der Oberfläche größer sein als direkt darauf.
Ein Labor fährt über den Mars
Eine gewonnene Probe wird nicht einfach fotografiert. Im Inneren des Rovers beginnt anschließend eine kleine Laborstraße.
Das Material wird zerkleinert und verschiedenen Analyseinstrumenten zugeführt. MicrOmega untersucht die Mineralzusammensetzung mit sichtbarem und infrarotem Licht. Das Raman Laser Spectrometer analysiert mineralische und molekulare Strukturen mithilfe von Laserlicht. Eine Schlüsselrolle übernimmt schließlich MOMA, der Mars Organic Molecule Analyser.
MOMA soll organische Verbindungen erkennen und charakterisieren. Dafür kombiniert das Gerät unterschiedliche Analysemethoden, darunter Massenspektrometrie und Gaschromatografie. Proben können in kleinen Öfen erhitzt werden, sodass freigesetzte Stoffe untersucht werden können.
Gerade diese Kombination macht die Mission wissenschaftlich interessant. Ein einzelnes ungewöhnliches Molekül wäre kaum ausreichend, um Rückschlüsse auf früheres Leben zu ziehen. Entscheidend wäre das Gesamtbild: Welche Mineralien befinden sich an einem Fundort? Unter welchen Umweltbedingungen entstanden sie? Welche organischen Stoffe kommen gemeinsam vor? Und lässt sich daraus eine chemische Signatur ableiten, die mit biologischen Prozessen vereinbar ist?
Rosalind Franklin ist deshalb weniger ein einzelner Detektor für Leben als eine mobile Untersuchungskette, die vom Landschaftsbild bis zur Molekülstruktur immer weiter ins Detail geht.
Sucht Rosalind Franklin nach vergangenem oder nach heutigem Leben?
Das Hauptziel der Mission ist die Suche nach Spuren vergangenen Lebens. ESA und NASA beschreiben die wissenschaftliche Aufgabe allerdings weiter und sprechen auch von möglichen Hinweisen auf vergangenes oder gegenwärtiges Leben.
Das bedeutet nicht, dass Forscher mit lebenden Marsmikroben rechnen. Für gegenwärtiges Leben auf dem Mars gibt es bislang keinen Nachweis. Die heutige Oberfläche gilt wegen Kälte, Trockenheit, Strahlung und ihrer chemischen Bedingungen als ausgesprochen lebensfeindlich.
Gerade deshalb richtet sich der Blick in den Untergrund und weit zurück in die Geschichte des Planeten. Vor mehreren Milliarden Jahren besaß Mars flüssiges Wasser an seiner Oberfläche. Die Gesteine von Oxia Planum stammen aus dieser frühen Epoche. Sollte auf dem Mars jemals einfaches mikrobielles Leben entstanden sein, könnten alte wasserreiche Sedimente zu den Orten gehören, an denen sich chemische Spuren davon erhalten haben.
Ob der Rover tatsächlich eine Biosignatur finden wird, ist völlig offen. Selbst ein Nachweis organischer Moleküle wäre noch kein Nachweis von Leben. Er könnte aber zeigen, dass an einem bestimmten Ort die chemischen Voraussetzungen für biologische Prozesse vorhanden waren oder dass dort Material erhalten geblieben ist, das weitere Untersuchungen rechtfertigt.
Wer war Rosalind Franklin?
Der Rover trägt den Namen der britischen Chemikerin und Röntgenkristallografin Rosalind Franklin. Ihre Arbeiten spielten eine entscheidende Rolle bei der Erforschung der Struktur der DNA. Das berühmte Röntgenbeugungsbild „Photo 51“, das in ihrem Umfeld entstand, lieferte wichtige Informationen über die helikale Struktur des Moleküls.
Die Namenswahl verbindet damit zwei sehr unterschiedliche Welten miteinander: die Erforschung der molekularen Grundlage des Lebens auf der Erde und die Suche nach möglichen Spuren von Leben auf einem anderen Planeten.
Gerade bei einem Rover, dessen empfindlichste Instrumente organische Moleküle untersuchen sollen, ist diese Verbindung kaum zufällig.
Was unterscheidet Rosalind Franklin von Perseverance und Curiosity?
Rosalind Franklin wird nicht der erste Rover sein, der nach der früheren Bewohnbarkeit des Mars sucht. Curiosity untersucht seit 2012 unter anderem, ob im Gale-Krater einst Bedingungen existierten, unter denen mikrobielles Leben möglich gewesen wäre. Perseverance erforscht den Jezero-Krater, sucht nach möglichen Spuren vergangenen mikrobiellen Lebens und sammelt besonders interessante Gesteinsproben.
Rosalind Franklin verfolgt jedoch einen anderen Schwerpunkt. Sein herausragendes Werkzeug ist der Zwei-Meter-Bohrer in Verbindung mit dem internen Analyselabor. Statt sich vor allem auf Material an oder unmittelbar unter der Oberfläche zu konzentrieren, soll er gezielt in einen Bereich vordringen, in dem mögliche organische Spuren besser vor der Marsumgebung geschützt sein könnten.
Die Missionen konkurrieren damit wissenschaftlich nicht miteinander. Sie untersuchen unterschiedliche Regionen mit teilweise unterschiedlichen Methoden. Je mehr geologisch verschiedene Orte auf dem Mars erforscht werden, desto vollständiger wird das Bild seiner Vergangenheit.
Warum die Mission für Europa so wichtig ist
Rosalind Franklin soll der erste europäische Rover auf der Marsoberfläche werden. Schon das verleiht der Mission für die ESA besondere Bedeutung. Hinzu kommt ihre ungewöhnliche Entstehungsgeschichte.
Nach dem Ende der Zusammenarbeit mit Russland hätte die Mission vollständig aufgegeben werden können. Stattdessen beschlossen die ESA-Mitgliedstaaten Ende 2022, sie mit einer neuen europäischen Landeplattform fortzuführen. Die ESA begründete diesen Schritt nicht nur mit dem wissenschaftlichen Wert des Rovers, sondern auch mit dem Aufbau größerer europäischer Eigenständigkeit bei der robotischen Erkundung anderer Planeten.
Die Zusammenarbeit mit der NASA bleibt dabei entscheidend. Sie zeigt zugleich, wie aufwendig moderne Planetenmissionen geworden sind. Rover, Start, Strom- und Wärmesysteme, Navigation, Landetechnik und wissenschaftliche Instrumente entstehen heute häufig über Länder- und Agenturgrenzen hinweg.
Für Rosalind Franklin bedeutet das einen bemerkenswerten zweiten Anlauf.
Ein Rover, der 2022 eigentlich schon auf dem Weg zum Mars sein sollte, wird voraussichtlich sechs Jahre später starten. Wenn alles nach Plan verläuft, werden seine Räder 2030 erstmals über Oxia Planum rollen. Dann beginnt nach vielen Jahren des Wartens der eigentliche Teil der Mission.
Rosalind Franklin wird bohren, Gestein zermahlen und nach Molekülen suchen, die möglicherweise Milliarden Jahre überstanden haben. Vielleicht findet der Rover nichts, was auf früheres Leben schließen lässt. Auch das wäre ein wissenschaftliches Ergebnis. Vielleicht stößt er aber auf eine chemische Signatur, die sich nicht ohne Weiteres erklären lässt.
Die große Frage wird deshalb nicht bei der Landung beantwortet. Dort beginnt sie erst richtig: Was ist unter der alten Oberfläche des Mars erhalten geblieben?
Quellen
▪︎ European Space Agency (ESA), ExoMars und ExoMars Rosalind Franklin Mission
▪︎ European Space Agency (ESA), FAQ zur Neuausrichtung der Rosalind-Franklin-Mission
▪︎ NASA, Rosalind Franklin Rover und ROSA-Missionsbeiträge
▪︎ European Space Agency (ESA), wissenschaftliche Instrumente und Labor des ExoMars-Rovers
▪︎ Airbus Defence and Space, Entwicklung der neuen ExoMars-Landeplattform
