Yutu-2 Chinas Rover auf der Rueckseite des Mondes

Als Yutu-2 am 3. Januar 2019 seine ersten Meter auf dem Mond zurücklegte, befand er sich an einem Ort, den zuvor noch kein Raumfahrzeug direkt auf der Oberfläche untersucht hatte. Der kleine chinesische Rover rollte nicht über die vertraute, der Erde zugewandte Mondseite, sondern durch den Von-Kármán-Krater auf der Rückseite des Mondes. Dort war kurz zuvor die Landesonde Chang’e-4 niedergegangen – die erste erfolgreiche weiche Landung der Raumfahrtgeschichte auf dieser Hemisphäre.

Eigentlich war Yutu-2 nur für eine Einsatzdauer von etwa drei Monaten vorgesehen. Doch aus dem vergleichsweise kurzen Experiment wurde eine außergewöhnlich lange Forschungsmission. Der Rover untersuchte Mondgestein, analysierte Mineralien, blickte mit Radar tief unter die Oberfläche und lieferte Daten über eine Region, die für die Rekonstruktion der frühen Geschichte des Mondes von besonderer Bedeutung ist. Noch 2025 wurde über seinen weiteren Betrieb berichtet – mehr als sechs Jahre nach der Landung und damit weit jenseits seiner ursprünglich geplanten Lebensdauer.

Warum landete Yutu-2 auf der Rückseite des Mondes?

Die Bezeichnung „Rückseite“ führt leicht zu einem Missverständnis. Sie bedeutet nicht, dass dieser Teil des Mondes ständig dunkel wäre. Auch dort wechseln sich ungefähr zwei Wochen dauernde Tag- und Nachtphasen ab. Gemeint ist vielmehr die Mondhälfte, die aufgrund der gebundenen Rotation dauerhaft von der Erde abgewandt ist.

Gerade diese Abgeschiedenheit machte die Region lange schwer zugänglich. Während Raumsonden auf der Vorderseite direkt mit Bodenstationen auf der Erde kommunizieren können, wird eine Funkverbindung von der Rückseite durch den Mond selbst blockiert. China löste dieses Problem bereits vor der Landung von Chang’e-4 mit einem eigenen Relaissatelliten. Queqiao wurde 2018 gestartet und so positioniert, dass er Daten zwischen der Erde und der Mission auf der Mondrückseite übertragen konnte.

Der wissenschaftliche Wert des Landegebietes war mindestens ebenso wichtig wie die technische Herausforderung. Chang’e-4 setzte im Von-Kármán-Krater auf, der innerhalb des riesigen Südpol-Aitken-Beckens liegt. Dieses Einschlagbecken besitzt einen Durchmesser von ungefähr 2.500 Kilometern und gehört zu den größten und ältesten bekannten Einschlagstrukturen des Sonnensystems. Der Einschlag könnte einst sehr tief in die Mondkruste vorgedrungen sein. Deshalb besteht die Möglichkeit, dass spätere Einschläge Material aus tieferen Schichten freigelegt und über die Region verteilt haben.

Für Yutu-2 wurde damit ein Gebiet ausgewählt, in dem sich Hinweise auf Prozesse finden lassen könnten, die Milliarden Jahre in die Vergangenheit des Mondes zurückreichen.

Wie kam Yutu-2 auf den Mond?

Yutu-2 ist Teil der chinesischen Chang’e-4-Mission. Die Raumsonde startete im Dezember 2018 und erreichte anschließend den Mond. Am 3. Januar 2019 gelang die historische Landung im Von-Kármán-Krater bei ungefähr 45,4 Grad südlicher Breite und 177,6 Grad östlicher Länge. Wissenschaftliche Rekonstruktionen bestimmten den Landeplatz später noch genauer.

Nach der Landung wurde Yutu-2 über zwei Rampen von der Plattform auf den Mondboden hinabgelassen. Sein Name bedeutet sinngemäß „Jadehase 2“ und knüpft an den ersten chinesischen Mondrover Yutu an, der 2013 mit Chang’e-3 auf der erdzugewandten Seite des Mondes gelandet war.

Yutu-2 ist kein großer Rover. Mit einer Masse von ungefähr 140 Kilogramm und sechs Rädern ist das Fahrzeug deutlich kleiner als beispielsweise die modernen Marsrover der NASA. Auf dem Mond zählt allerdings weniger Geschwindigkeit als Vorsicht. Krater, lockerer Regolith, Steine und starke Geländeneigungen können für ein Fahrzeug gefährlich werden, das sich nicht von Menschen reparieren lässt.

Deshalb legte Yutu-2 seine Strecke ausgesprochen langsam zurück. Seine Route wurde anhand von Geländeaufnahmen sorgfältig geplant. Wissenschaftlich interessante Felsen konnten dazu führen, dass der Rover von einer zunächst vorgesehenen Strecke abwich und einzelne Ziele aus der Nähe untersuchte. Analysen seiner Fahrbewegungen wurden später sogar genutzt, um mehr über die mechanischen Eigenschaften des Mondbodens zu erfahren.

Welche Instrumente hat Yutu-2 an Bord?

Yutu-2 ist zugleich Fahrzeug und bewegliches geologisches Labor. Mehrere Instrumente ermöglichen es, seine Umgebung auf unterschiedliche Weise zu untersuchen.

Zu den wichtigsten gehört das Lunar Penetrating Radar. Es sendet elektromagnetische Signale in den Boden und registriert deren Reflexionen aus unterschiedlichen Tiefen. Dadurch lässt sich nicht nur die sichtbare Oberfläche untersuchen, sondern auch die darunter verborgene geologische Struktur.

Daneben besitzt der Rover ein Spektrometer für sichtbares und nahinfrarotes Licht. Mithilfe dieser Messungen können Wissenschaftler Rückschlüsse auf die Mineralzusammensetzung von Boden und Gestein ziehen. Kameras dokumentieren Landschaft, Hindernisse und wissenschaftliche Zielobjekte. Hinzu kommt ein von Schweden entwickeltes Instrument zur Untersuchung neutraler Atome und ihrer Wechselwirkung mit der Mondoberfläche.

Gerade die Verbindung dieser Instrumente macht Yutu-2 wertvoll: Ein ungewöhnlicher Stein kann zunächst fotografiert, anschließend spektroskopisch untersucht und zugleich in seinen geologischen Zusammenhang mit der Umgebung eingeordnet werden.

Was hat Yutu-2 unter der Mondoberfläche entdeckt?

Eine der wichtigsten wissenschaftlichen Leistungen des Rovers geschah buchstäblich unter seinen Rädern. Das Bodenradar ermöglichte erstmals detaillierte Einblicke in die unterirdische Struktur auf der Mondrückseite.

Die Messungen zeigten, dass der Untergrund keineswegs aus einer einfachen, gleichförmigen Schicht besteht. Wissenschaftler identifizierten mehrere übereinanderliegende geologische Einheiten. Radardaten deuteten unter anderem auf Ablagerungen hin, die durch frühere Meteoriteneinschläge entstanden waren, sowie auf ältere Lavaschichten. Untersuchungen mit dem niederfrequenten Radarkanal konnten Strukturen bis in Tiefen von mehreren hundert Metern erkennen.

Eine weitere Auswertung kam zu dem Ergebnis, dass sich unter dem Landegebiet zunächst eine etwa zwölf Meter mächtige Regolithschicht befindet. Darunter liegen umfangreiche Ablagerungen von Auswurfmaterial benachbarter Einschlagkrater, gefolgt von basaltischen Schichten und weiteren tiefer gelegenen Auswurfablagerungen. Damit entstand ein Bild einer Landschaft, die über Milliarden Jahre immer wieder durch Vulkanismus und Einschläge verändert wurde.

Der Mondboden unter Yutu-2 ist damit gewissermaßen ein geologisches Archiv. Jede Schicht erzählt von einer anderen Phase der Entwicklung des Mondes.

Hat Yutu-2 Material aus dem Mondmantel gefunden?

Bereits kurz nach Beginn der Mission sorgten spektroskopische Messungen von Yutu-2 für besonderes Interesse. Wissenschaftler fanden Hinweise auf Mineralien wie Olivin und kalziumarmen Pyroxen. Solche Materialien könnten theoretisch aus tieferen Bereichen des Mondes stammen. Eine erste Analyse hielt deshalb eine Herkunft aus dem Mondmantel für möglich. Das Material könnte durch einen großen Einschlag aus der Tiefe herausgeschleudert und später in das Gebiet des Rovers transportiert worden sein.

Damit war jedoch nicht endgültig bewiesen, dass Yutu-2 tatsächlich freigelegten Mondmantel untersucht hatte. Spätere Analysen zeichneten ein komplizierteres Bild. Untersuchungen zahlreicher Spektralmessungen ergaben, dass das Material im Landegebiet stark von Plagioklas und Pyroxen geprägt ist und nur vergleichsweise wenig Olivin enthält. Auch andere Arbeiten deuten darauf hin, dass ein beträchtlicher Teil der von Yutu-2 untersuchten Gesteine und Regolithbestandteile durch unterschiedliche Einschlagsereignisse in das Gebiet gelangt sein könnte.

Die Frage nach tiefem Mantelmaterial ist deshalb ein gutes Beispiel dafür, wie Planetengeologie funktioniert: Ein einzelner interessanter Messwert liefert eine Spur, doch erst weitere Beobachtungen zeigen, wie eindeutig diese Spur tatsächlich ist.

Was war die rätselhafte „Hütte“ auf dem Mond?

Yutu-2 wurde zeitweise auch außerhalb der Wissenschaft bekannt. Ende 2021 zeigten Aufnahmen am Horizont ein kantig wirkendes Objekt, das in Berichten teilweise als „mystery hut“ oder geheimnisvolle Hütte bezeichnet wurde. Die geringe Auflösung und große Entfernung ließen die Formation ungewöhnlich aussehen.

Eine künstliche Struktur befand sich dort selbstverständlich nicht. Als Yutu-2 näher herankam, zeigte sich ein unspektakulärer Felsbrocken. Die vermeintlich rechteckige Silhouette war vor allem durch Entfernung, Bildauflösung, Licht und Perspektive entstanden.

Der Fall machte deutlich, wie schwierig die Interpretation einzelner Roverbilder sein kann. Aufnahmen von einer fremden Landschaft besitzen kaum vertraute Größenmaßstäbe. Ein kleiner Felsen kann deshalb aus großer Entfernung wesentlich eindrucksvoller erscheinen, als er tatsächlich ist.

Wissenschaftlich interessant sind solche Steine dennoch. Yutu-2 untersuchte während seiner Fahrt wiederholt freiliegende Gesteinsbrocken. Bei einer besonders anspruchsvollen Annäherung an einen flossenförmigen Felsen mussten die chinesischen Missionsplaner sogar das Risiko des Durchdrehens und seitlichen Abrutschens der Räder berücksichtigen.

Fand Yutu-2 Glas auf dem Mond?

Zu den auffälligeren Beobachtungen gehören glasartige Materialien. Mondglas ist allerdings kein Hinweis auf etwas Ungewöhnliches oder Künstliches. Bei Meteoriteneinschlägen entstehen enorme Temperaturen und Drücke. Mondmaterial kann dabei schmelzen und anschließend schnell wieder erstarren, wodurch glasartige Strukturen entstehen.

Besonders interessant war die Untersuchung eines kleinen, geologisch jungen Einschlagkraters. Spektraldaten deuteten dort auf glasartiges Material mit einem hohen Anteil von Material hin, das den sogenannten kohlenstoffhaltigen Chondriten ähnelt. Dabei handelt es sich um eine Gruppe ursprünglicher Meteoriten. Die Forscher interpretierten die Beobachtung als Überreste des Einschlagskörpers, die den Aufprall teilweise überstanden hatten.

Solche Funde sind deshalb wichtig, weil die Mondoberfläche über Milliarden Jahre von Asteroiden und Meteoroiden getroffen wurde. Spuren dieser Körper können Hinweise darauf geben, welche Materialien im frühen Erde-Mond-System unterwegs waren und welche Stoffe durch Einschläge auf den Mond gelangten.

Warum schläft Yutu-2 regelmäßig?

Ein Einsatz auf dem Mond bedeutet extreme Temperaturschwankungen. Ein vollständiger Tag-Nacht-Zyklus dauert dort ungefähr 29,5 Erdtage. Rund zwei Wochen lang scheint an einem Ort die Sonne, anschließend folgt eine etwa ebenso lange Nacht.

Während der Mondnacht steht für einen solarbetriebenen Rover keine ausreichende Sonnenenergie zur Verfügung. Yutu-2 wird deshalb regelmäßig in einen Ruhemodus versetzt. Auch während besonders heißer Abschnitte des Mondtages können Instrumente zeitweise abgeschaltet werden.

Diese Betriebsweise gehört zu den Gründen, warum die scheinbar zurückgelegte Strecke nicht mit Fahrleistungen von Marsrovern verglichen werden kann. Yutu-2 ist kein Fahrzeug, das täglich lange Strecken zurücklegen soll. Seine Aufgabe besteht darin, ausgewählte Gebiete langsam zu untersuchen und dabei möglichst lange funktionsfähig zu bleiben.

Dass dies gelang, übertraf die ursprüngliche Planung erheblich. Bereits 2020 wurde Yutu-2 als der am längsten arbeitende Rover auf der Mondoberfläche bezeichnet.

Wie weit ist Yutu-2 gefahren?

Im Vergleich zu Marsrovern wirkt seine Strecke zunächst bescheiden. Nach wissenschaftlich dokumentierten Daten hatte Yutu-2 bis zum 8. April 2022 eine Strecke von 1.142,39 Metern zurückgelegt. Die Fahrt führte überwiegend nordwestlich vom Landeplatz weg und immer wieder zu ausgewählten Felsen und anderen Untersuchungszielen.

Spätere öffentliche Berichte nannten bis 2025 eine Gesamtstrecke von ungefähr 1,69 Kilometern. Entscheidend ist allerdings weniger die reine Entfernung als die wissenschaftliche Ausbeute auf diesem Weg. Yutu-2 bewegt sich durch stark verkratertes Gelände, in dem jede größere Fahrt sorgfältig vorbereitet werden muss. Zugleich können interessante Messpunkte dazu führen, dass der Rover längere Zeit in einem kleinen Gebiet arbeitet.

Das unterscheidet eine planetare Forschungsmission deutlich von einem Rekordversuch: Nicht möglichst viele Kilometer sind das Ziel, sondern möglichst wertvolle Daten bei möglichst geringem Risiko.

Ist Yutu-2 noch aktiv?

Die Lebensdauer von Yutu-2 gehört zu den bemerkenswertesten Aspekten der Mission. Für den Rover war ursprünglich lediglich eine Betriebszeit von drei Monaten vorgesehen. Diese Grenze überschritt er bereits 2019 und arbeitete anschließend über Jahre weiter.

Noch im Jahr 2025 wurden Bilder und Angaben veröffentlicht, denen zufolge Yutu-2 weiterhin funktionsfähig war. Berichtet wurde dabei über Aufnahmen aus dem Juli 2025 und eine zurückgelegte Gesamtstrecke von rund 1,69 Kilometern. Eine ebenso eindeutige aktuelle offizielle Bestätigung des Betriebszustands für August 2026 ist öffentlich derzeit jedoch nicht zuverlässig dokumentiert. Deshalb lässt sich seriös festhalten: Yutu-2 war nachweislich noch weit über sechs Jahre nach seiner Landung im Einsatz; ein darüber hinausgehender aktueller Betriebsstatus sollte erst mit einer neuen offiziellen Missionsmeldung als gesichert gelten.

Unabhängig davon hat der Rover seine vorgesehene Lebensdauer um ein Vielfaches übertroffen und gehört bereits jetzt zu den langlebigsten Fahrzeugen, die jemals auf einem anderen Himmelskörper eingesetzt wurden.

Warum Yutu-2 für die Mondforschung wichtig ist

Die historische Bedeutung von Chang’e-4 und Yutu-2 besteht nicht allein darin, dass China als erstes Land auf der Rückseite des Mondes landete. Entscheidend ist, was danach geschah. Aus einer technischen Premiere entwickelte sich eine langjährige geologische Erkundung einer Region, die zuvor nur aus dem Orbit bekannt gewesen war.

Yutu-2 zeigte, dass sich unter der Oberfläche des Von-Kármán-Kraters mehrere geologische Kapitel verbergen. Er untersuchte Material, das durch entfernte Einschläge dorthin geschleudert worden sein könnte, lieferte neue Hinweise auf die Zusammensetzung der Mondkruste und half dabei, vulkanische und kosmische Ereignisse zu rekonstruieren, die Milliarden Jahre zurückliegen. Seine Beobachtungen machten zugleich deutlich, wie kompliziert es ist, einzelne Mineralfunde eindeutig einer bestimmten Tiefenschicht des Mondes zuzuordnen.

Dabei bewegt sich der kleine Rover nur langsam durch die Landschaft. Genau darin liegt seine Stärke. Meter für Meter verbindet Yutu-2 Bilder, Spektren und Radarmessungen zu einem geologischen Profil eines Gebietes, das bis 2019 kein Fahrzeug der Menschheit erreicht hatte.

Die Rückseite des Mondes ist seitdem kein ausschließlich aus der Ferne beobachtetes Gebiet mehr. An einem Punkt im riesigen Südpol-Aitken-Becken existiert eine Spur aus sechs Rädern – und entlang dieser Spur entstand eines der detailliertesten wissenschaftlichen Archive, das jemals direkt auf der verborgenen Hälfte des Mondes gesammelt wurde.

Mehr zum Thema Rover, Lander und Raumsonden

Quellen
▪︎ China National Space Science Data Center – Chang’e-4 Mission
▪︎ China National Space Administration – Chang’e-4 und Yutu-2
▪︎ Xinhua – Missionsberichte zu Chang’e-4 und Yutu-2
▪︎ Nature – Chang’E-4 initial spectroscopic identification of lunar far-side mantle-derived materials
▪︎ Nature Communications – First look by the Yutu-2 rover at the deep subsurface structure at the lunar farside
▪︎ Nature Astronomy – Lunar regolith and substructure at Chang’E-4 landing site in South Pole–Aitken basin
▪︎ Nature Astronomy – Impact remnants rich in carbonaceous chondrites detected on the Moon by the Chang’e-4 rover
▪︎ Nature Communications – Lunar rock investigation and tri-aspect characterization of lunar farside regolith by a digital twin