Wer Bilder von der antarktischen Küste betrachtet, kann durchaus verstehen, woher die Vorstellung kommt. Kilometerlange weiße Flächen enden stellenweise abrupt am Meer. Eis erhebt sich wie eine Wand über dem Wasser, Gletscher reichen bis an die Küste, und gewaltige Tafeleisberge brechen von scheinbar endlosen Eisflächen ab.
In der Flat-Earth-Vorstellung bekommt dieses Bild allerdings eine völlig andere Bedeutung. Die Antarktis soll demnach kein Kontinent am südlichen Ende einer kugelförmigen Erde sein. Stattdessen soll ihr Eis den Rand einer flachen Welt bilden und die Ozeane daran hindern, über diesen Rand hinauszufließen.
Die Antarktis wäre dann nicht der Süden eines Globus, sondern eine gigantische Eisbarriere rund um die gesamte bekannte Welt.
Das klingt spektakulär. Doch passt diese Vorstellung zu dem, was tatsächlich über die Antarktis bekannt ist?
Woher kommt die Vorstellung von der Eiswand?
Viele moderne Flat-Earth-Karten zeigen den Nordpol in der Mitte einer kreisförmigen Welt. Die Kontinente liegen darum herum, während die Antarktis als äußerer Ring dargestellt wird. Anstelle eines Kontinents entsteht so ein geschlossener Eisgürtel.
Diese Darstellung erinnert an eine sogenannte azimutale Kartenprojektion. Solche Karten sind real und werden beispielsweise verwendet, um bestimmte Entfernungen oder Richtungen von einem Mittelpunkt aus darzustellen. Sie zeigen jedoch eine kugelförmige Erdoberfläche auf einer flachen Karte.
Wird eine solche Projektion als tatsächliche Gestalt der Erde interpretiert, verändert sich die Antarktis zwangsläufig. Aus einem Kontinent rund um den Südpol wird ein Ring am Kartenrand.
Damit entsteht die Eiswand nicht durch eine geografische Entdeckung, sondern durch die Art, wie eine Karte gezeichnet wurde.
Gibt es in der Antarktis tatsächlich Eiswände?
Ja. Und genau das macht die Erzählung auf den ersten Blick so überzeugend.
An Teilen der antarktischen Küste reichen große Schelfeise ins Meer. Dabei handelt es sich um schwimmende Fortsetzungen des Eises, das vom Kontinent Richtung Küste fließt. An ihren Vorderkanten können sich hohe, nahezu senkrechte Eisflächen bilden.
Wer sich einem solchen Schelfeis vom Meer aus nähert, kann tatsächlich eine eindrucksvolle weiße Wand vor sich sehen.
Doch diese Eisfronten bilden keinen geschlossenen Ring um die Erde. Die antarktische Küste besteht aus sehr unterschiedlichen Landschaften. Es gibt Schelfeise, Gletscher, felsige Küsten, Inseln, Gebirge und Bereiche, in denen Land sichtbar aus dem Eis herausragt.
Auch die Positionen der Eisfronten sind nicht unveränderlich. Eis bewegt sich Richtung Meer, Teile brechen als Eisberge ab und Schelfeise wachsen oder ziehen sich zurück.
Eine Eiswand kann also durchaus Teil der antarktischen Landschaft sein. Sie ist nur etwas völlig anderes als die behauptete Begrenzung einer flachen Welt.
Hinter der Küste geht es weiter
Besonders problematisch wird die Eiswand-Vorstellung, sobald man die Küste verlässt.
Die Antarktis besitzt ein gewaltiges Inneres. Der Kontinent umfasst fast 14 Millionen Quadratkilometer einschließlich seiner Schelfeise und Inseln. Große Teile sind von einer mächtigen Eisschicht bedeckt, unter der sich Gebirge, Täler und felsiger Untergrund befinden.
Der geografische Südpol liegt mehr als 1.200 Kilometer von der nächstgelegenen Küste entfernt. Dort befindet sich seit Jahrzehnten eine Forschungsstation.
Zwischen Küste und Südpol liegt also nicht ein unbekannter Bereich hinter einer unüberwindbaren Wand, sondern ein riesiger Teil des antarktischen Kontinents, der vermessen, durchquert und wissenschaftlich untersucht wurde.
Expeditionen erreichten den Südpol bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Später kamen Flugzeuge, Forschungsstationen, Radarmessungen, GPS und Satelliten hinzu. Heute lässt sich sogar der Untergrund unter kilometerdickem Eis untersuchen.
Die Vorstellung eines schmalen Eisrings lässt sich damit kaum vereinbaren.
Darf man die Antarktis überhaupt betreten?
Eine weitere Behauptung lautet häufig, normale Menschen dürften die Antarktis nicht besuchen. Der Antarktisvertrag soll angeblich verhindern, dass jemand die Eiswand untersucht oder herausfindet, was sich dahinter befindet.
Tatsächlich ist die Antarktis stark geschützt und Reisen dorthin sind erheblich komplizierter als eine gewöhnliche Urlaubsreise. Das hat jedoch andere Gründe.
Die Umwelt ist extrem empfindlich, das Klima gefährlich und Rettungseinsätze sind schwierig. Internationale Vereinbarungen regeln deshalb wissenschaftliche Tätigkeiten, Umweltschutz und Tourismus. Abhängig vom Herkunftsland und der geplanten Aktivität können Genehmigungen erforderlich sein.
Ein grundsätzliches Reiseverbot gibt es jedoch nicht.
Jedes Jahr besuchen Touristen die Antarktis, besonders die Antarktische Halbinsel. Es gibt organisierte Schiffsreisen, Landgänge und Expeditionen. Gleichzeitig arbeiten Menschen aus zahlreichen Staaten in Forschungsstationen auf und innerhalb des Kontinents.
Der Antarktisvertrag erklärt die Region vor allem zu einem Gebiet friedlicher Nutzung und wissenschaftlicher Zusammenarbeit. Er ist kein Vertrag zur Abschirmung eines geheimen Weltrandes.
Könnte hinter der Eiswand trotzdem etwas verborgen sein?
Theoretisch lässt sich natürlich immer behaupten, sämtliche Karten, Expeditionen und Messungen seien gefälscht. Damit entsteht jedoch dasselbe Problem wie bei vielen anderen Verschwörungserzählungen: Je mehr unabhängige Beobachtungen existieren, desto größer muss die angenommene Täuschung werden.
An der Erforschung der Antarktis beteiligen sich zahlreiche Staaten, darunter Länder, die politisch keineswegs immer dieselben Interessen verfolgen. Wissenschaftler untersuchen das Eis, Schiffe vermessen die Küsten, Flugzeuge überqueren Regionen des Kontinents und Forschungsstationen arbeiten weit entfernt vom Meer.
Damit die Eiswand tatsächlich den Rand einer flachen Erde verbergen könnte, müsste ein enormes internationales System über Generationen hinweg dieselbe falsche Geografie aufrechterhalten.
Für eine solche weltweite Täuschung gibt es keine belastbaren Belege.
Die Eiswand gibt es – nur nicht so
Vielleicht ist genau das der interessanteste Teil dieser Geschichte.
Wer behauptet, an der Antarktis gebe es gewaltige Wände aus Eis, liegt nicht grundsätzlich falsch. Solche Eisfronten existieren tatsächlich und können beeindruckende Höhen erreichen. Sie gehören zu den spektakulärsten Landschaften unseres Planeten.
Der Fehler entsteht erst im nächsten Schritt.
Aus einer realen Eisfront wird die Begrenzung der Welt. Aus einer Kartenprojektion wird ein tatsächlicher Erdplan. Und aus Regeln zum Schutz einer außergewöhnlichen Region wird die Behauptung, niemand dürfe herausfinden, was sich hinter dem Eis befindet.
Die Antarktis braucht dabei keine geheime Eiswand, um außergewöhnlich zu sein.
Der wirkliche Kontinent ist bereits ungewöhnlich genug: fast vollständig von Eis bedeckt, von Gebirgen durchzogen, von einem Ozean umgeben und mit einem Inneren, das zu den unwirtlichsten Orten der Erde gehört.
Am Rand der Antarktis kann tatsächlich eine Eiswand stehen. Nur der Rand der Welt ist sie nicht.
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Quellen
▪︎ British Antarctic Survey – Antarctic Factsheet and Geographical Statistics
▪︎ British Antarctic Survey – Antarctica
▪︎ British Antarctic Survey – Antarctic Digital Database
▪︎ British Antarctic Survey – Antarctic Coastline Mapping
▪︎ Antarctic Treaty Secretariat – The Antarctic Treaty
▪︎ Antarctic Treaty Secretariat – Tourism and Non-Governmental Activities
▪︎ Antarctic Treaty Secretariat – General Guidelines for Visitors to the Antarctic
▪︎ National Science Foundation – U.S. Antarctic Program
▪︎ National Science Foundation – Amundsen-Scott South Pole Station
