Ist die Erde wirklich eine Kugel

Wer an einem ruhigen Tag am Meer steht und weit über den Horizont blickt, sieht zunächst etwas erstaunlich Unspektakuläres. Das Wasser scheint vollkommen eben zu sein. Keine deutlich erkennbare Rundung, keine sichtbare Kugel, auf deren Oberfläche wir stehen. Nur eine gerade Linie, an der Himmel und Meer aufeinandertreffen.

Genau hier setzt eines der bekanntesten Argumente der Flat-Earth-Bewegung an: Wenn die Erde eine Kugel ist, warum können wir ihre Krümmung dann nicht einfach sehen? Die Antwort ist überraschend einfach. Die Erde ist dafür viel zu groß. Doch das ist nur einer von mehreren Hinweisen. Tatsächlich lässt sich die Form unseres Planeten feststellen, ohne ein einziges Foto aus dem Weltraum betrachten zu müssen.

Eine Kugel, die eigentlich keine Kugel ist

Zunächst stimmt bereits die oft gestellte Frage nicht ganz. Die Erde ist keine perfekte Kugel.

Ihr Durchmesser beträgt am Äquator rund 12.756 Kilometer. Durch ihre Rotation ist sie an den Polen etwas abgeflacht und am Äquator geringfügig breiter. Geodäten beschreiben ihre Form deshalb vereinfacht als abgeplattetes Rotationsellipsoid. Berücksichtigt man zusätzlich Unterschiede im Schwerefeld und die ungleichmäßige Massenverteilung der Erde, wird es noch komplizierter. Dann spricht man vom Geoid.

Von einer perfekten Billardkugel kann also tatsächlich keine Rede sein. Von einer Scheibe allerdings ebenso wenig.

Ein Experiment, das mehr als 2.000 Jahre alt ist

Einer der bemerkenswertesten Belege für die gekrümmte Erdoberfläche benötigt weder Satelliten noch moderne Technik. Vor mehr als 2.000 Jahren verglich der griechische Gelehrte Eratosthenes die Schatten der Sonne an zwei verschiedenen Orten in Ägypten. Während die Sonne in Syene nahezu senkrecht stand, warf ein senkrechter Gegenstand im weiter nördlich gelegenen Alexandria zur gleichen Zeit einen Schatten.

Eratosthenes erkannte, was dahintersteckte. Wenn die Sonnenstrahlen beide Orte nahezu parallel erreichen, die Schatten aber unterschiedliche Winkel besitzen, muss sich der Untergrund zwischen ihnen krümmen. Aus dem gemessenen Winkel und der Entfernung zwischen den Orten ließ sich sogar der Umfang der Erde abschätzen.

Das Ergebnis lag erstaunlich nahe am tatsächlichen Wert von rund 40.000 Kilometern. Das Entscheidende daran ist nicht nur die historische Genauigkeit der Messung. Das Experiment lässt sich grundsätzlich noch heute wiederholen.

Der Horizont verrät mehr, als man denkt

Auch der Blick aufs Meer liefert Hinweise, allerdings nicht unbedingt dort, wo man sie zunächst erwartet. Entfernt sich ein Schiff immer weiter vom Beobachter, wird es nicht einfach gleichmäßig kleiner, bis es irgendwann nur noch als Punkt zu erkennen ist. Bei ausreichender Entfernung verschwinden zunächst die tiefer gelegenen Bereiche hinter dem Horizont. Höher gelegene Teile bleiben länger sichtbar.

Das entspricht genau dem Verhalten, das bei einer gekrümmten Oberfläche zu erwarten ist. Warum sehen wir diese Krümmung aber nicht deutlich als gewaltigen Bogen? Weil unser Blickfeld winzig ist gegenüber einem Planeten mit mehr als 12.700 Kilometern Durchmesser. Auf einer kurzen Strecke erscheint ein sehr großer Kreis beinahe gerade. Auch deshalb muss bei großräumigen geodätischen Vermessungen die Erdkrümmung ausdrücklich berücksichtigt werden.

Dann gibt es noch den Mond

Lange bevor Menschen Satelliten starteten, bot auch der Nachthimmel einen weiteren Hinweis. Bei einer Mondfinsternis steht die Erde zwischen Sonne und Mond. Ihr Schatten fällt auf die Mondoberfläche, und der Rand dieses Schattens ist gekrümmt.

Eine Kugel besitzt eine bemerkenswerte Eigenschaft: Unabhängig davon, aus welcher Richtung sie beleuchtet wird, kann sie einen kreisförmigen Schatten erzeugen. Ein flaches scheibenförmiges Objekt könnte dies dagegen nur aus bestimmten Orientierungen.

Mondfinsternisse gehören damit zu jenen astronomischen Beobachtungen, anhand derer Menschen schon lange vor Raumfahrt und Satelliten Rückschlüsse auf die Gestalt der Erde ziehen konnten.

Auch der Sternenhimmel verändert sich

Noch etwas passiert, wenn man auf der Erde weit nach Norden oder Süden reist: Der Sternenhimmel verändert sich. Bestimmte Sterne und Sternbilder verschwinden unter dem Horizont, während andere sichtbar werden. Auch die Höhe des Himmelspols verändert sich abhängig vom Breitengrad.

Das wäre auf einer flachen Ebene nur mit erheblichen zusätzlichen Annahmen zu erklären. Auf einer gekrümmten Erde ergibt es sich dagegen unmittelbar aus der Position des Beobachters auf der Oberfläche.

Und genau hier liegt eines der grundsätzlichen Probleme der Vorstellung einer flachen Erde. Es gibt nicht nur einen einzelnen Beweis für die Kugelgestalt, sondern viele voneinander unabhängige Beobachtungen, die dasselbe Modell ergeben.

Aber könnte nicht alles manipuliert sein?

Moderne Flat-Earth-Erzählungen konzentrieren sich häufig auf Bilder der Erde aus dem Weltraum. Satellitenaufnahmen werden als computergeneriert bezeichnet, Raumfahrtagenturen wird Manipulation vorgeworfen und Aufnahmen aus dem Orbit gelten innerhalb dieser Vorstellung deshalb nicht als Beweis.

Doch selbst wenn man sämtliche Weltraumfotos gedanklich beiseitelegt, verschwindet das Problem nicht. Die Schattenmessungen bleiben. Die Veränderungen des Sternenhimmels bleiben. Mondfinsternisse bleiben. Geodätische Vermessungen bleiben.

Auch Navigation und Satellitensysteme funktionieren auf Grundlage eines Erdmodells, bei dem Form und Krümmung des Planeten berücksichtigt werden. Moderne Geodäsie kann Veränderungen der Erdoberfläche heute bis in sehr kleine Größenordnungen vermessen.

Man müsste also nicht nur erklären, warum Fotos angeblich manipuliert werden. Man müsste ein alternatives Modell finden, das all diese voneinander unabhängigen Beobachtungen gleichzeitig mindestens genauso gut erklärt. Genau daran scheitert die Vorstellung einer flachen Erde.

Ist die Erde nun eine Kugel?

Im alltäglichen Sprachgebrauch: ja. Wissenschaftlich genauer betrachtet ist sie ein an den Polen leicht abgeplattetes und durch ihre Massenverteilung zusätzlich unregelmäßiges Gebilde. Ihre tatsächliche Form ist komplizierter als die eines perfekten Globus.

Dass die Erdoberfläche für uns trotzdem flach erscheint, ist kein Widerspruch. Es ist eine Frage der Größenordnung. Ein Mensch steht auf einem Planeten mit einem Radius von mehr als 6.000 Kilometern. Der winzige Abschnitt dieser Oberfläche, den wir von unserem Standort aus überblicken können, wirkt deshalb beinahe eben.

Die Erde sieht von hier unten nicht wie eine Kugel aus. Aber gerade dafür braucht es keine Verschwörung. Es braucht nur einen sehr großen Planeten.

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Quellen
▪︎ NASA – Facts About Earth
▪︎ NASA Science – Eclipses and the Moon
▪︎ NASA Jet Propulsion Laboratory – Eratosthenes und die Messung des Erdumfangs
▪︎ National Oceanic and Atmospheric Administration / National Geodetic Survey – The Geopotential Surface
▪︎ NOAA National Ocean Service – Is the Earth round?
▪︎ NOAA – Geodesy: The Invisible Backbone of Navigation
▪︎ European Space Agency – Earth Explorers: The Earth’s true shape
▪︎ Smithsonian National Air and Space Museum – Circumference of Earth