Wer sich mit der Flat-Earth-Bewegung beschäftigt, stößt früher oder später auf einen Namen, der beinahe zwangsläufig fällt: NASA. Bilder der Erde aus dem Weltraum, Aufnahmen von Satelliten, Videos von der Internationalen Raumstation oder Berichte über Mondmissionen gelten in Teilen der Szene nicht als Gegenargumente zur flachen Erde. Sie werden vielmehr selbst zum Bestandteil der Verschwörungserzählung.
Die Behauptung lautet dann nicht einfach, die NASA irre sich. Vielmehr soll sie bewusst täuschen, Bilder manipulieren und gemeinsam mit anderen Raumfahrtorganisationen eine kugelförmige Erde vortäuschen.
Doch warum nimmt ausgerechnet die NASA in dieser Vorstellung eine so zentrale Rolle ein?
Ein Problem, das erklärt werden muss
Die moderne Flat-Earth-Erzählung steht vor einem grundsätzlichen Problem. Seit Beginn der Raumfahrt existieren unzählige Aufnahmen, Messungen und Beobachtungen, die die Erde als annähernd kugelförmigen Planeten zeigen.
Wer dennoch davon ausgeht, dass die Erde eine Scheibe ist, benötigt deshalb eine Erklärung dafür, warum all diese Informationen scheinbar etwas anderes zeigen.
Eine Möglichkeit wäre, einzelne Bilder oder Messungen infrage zu stellen. Doch damit ließen sich nicht sämtliche Beobachtungen erklären. Deshalb entsteht eine wesentlich umfassendere Behauptung: Die Institutionen selbst seien Teil der Täuschung.
Damit wird aus einem Widerspruch ein Argument. Ein Foto der runden Erde gilt dann nicht mehr als Beleg gegen die flache Erde, sondern als angeblicher Beweis dafür, wie weit die Täuschung reicht.
Genau hier beginnt ein typisches Merkmal vieler Verschwörungserzählungen: Gegenbeweise werden nicht akzeptiert, sondern in die Theorie eingebaut.
Warum gerade die NASA?
Die NASA besitzt in der öffentlichen Wahrnehmung eine besondere Stellung. Seit den frühen Jahren der Raumfahrt stehen ihre Missionen für Mondlandungen, Satelliten, Weltraumteleskope und Aufnahmen der Erde aus großer Entfernung.
Damit ist sie für Flat-Earth-Anhänger die sichtbarste Institution, die dem eigenen Weltbild widerspricht.
Hinzu kommt, dass viele berühmte Aufnahmen der Erde mit der amerikanischen Raumfahrt verbunden sind. Dazu gehören Bilder der Apollo-Missionen ebenso wie spätere Satellitenaufnahmen. In sozialen Netzwerken werden deshalb häufig einzelne NASA-Bilder herausgegriffen und auf vermeintliche Unstimmigkeiten untersucht.
Unterschiedliche Farben, veränderte Wolkenstrukturen, zusammengesetzte Aufnahmen oder grafisch bearbeitete Datendarstellungen werden dabei manchmal als Hinweise auf Fälschungen interpretiert.
Tatsächlich entstehen jedoch nicht alle Bilder der Erde auf dieselbe Weise.
Nicht jedes Bild ist ein einzelnes Foto
Ein wichtiger Teil der Verwirrung entsteht dadurch, dass Raumfahrtorganisationen sehr unterschiedliche Arten von Bildern veröffentlichen.
Manche Aufnahmen sind klassische Fotografien. Andere werden aus mehreren Einzelbildern zusammengesetzt, weil ein Satellit die gesamte Erde nicht gleichzeitig erfassen kann. Wieder andere zeigen Messdaten, denen zur besseren Darstellung Farben zugeordnet werden.
Solche Bearbeitungen werden in der Wissenschaft nicht automatisch verborgen. Sie dienen häufig dazu, Informationen sichtbar zu machen, die auf einem normalen Foto überhaupt nicht zu erkennen wären.
Für jemanden, der bereits von einer Täuschung ausgeht, kann genau diese Bearbeitung jedoch verdächtig wirken. Aus dem Satz „Dieses Bild besteht aus mehreren Aufnahmen“ wird dann schnell die Behauptung „Die Erde wurde am Computer erfunden“.
Dabei werden zwei völlig unterschiedliche Dinge miteinander vermischt: die Bearbeitung einer wissenschaftlichen Darstellung und die Erfindung des dargestellten Gegenstands.
Die Verschwörung müsste riesig sein
Ein weiteres Problem entsteht, sobald man die angebliche Täuschung konsequent zu Ende denkt.
Die NASA ist längst nicht die einzige Organisation, die Raumfahrt betreibt oder die Erde beobachtet. Zahlreiche Staaten besitzen eigene Raumfahrtagenturen, Satellitenprogramme und Forschungseinrichtungen. Hinzu kommen private Raumfahrtunternehmen, Universitäten, Wetterdienste, Telekommunikationsfirmen und unabhängige Beobachter.
Auch Länder, die politisch miteinander konkurrieren, arbeiten mit denselben grundlegenden astronomischen und geodätischen Modellen.
Eine weltweite Täuschung über die Form der Erde würde deshalb nicht nur einige Mitarbeiter einer amerikanischen Behörde voraussetzen. Über Jahrzehnte müssten enorme Mengen von Menschen, Organisationen und Staaten entweder beteiligt sein oder unabhängig voneinander dieselbe falsche Wirklichkeit erzeugen.
Das macht die Behauptung zunehmend kompliziert.
Warum verschwinden Gegenbeweise in der Theorie?
Genau darin liegt eine Besonderheit der Flat-Earth-Erzählung.
Wird ein Foto aus dem Weltraum gezeigt, kann es als Fälschung bezeichnet werden. Zeigen andere Raumfahrtagenturen ähnliche Bilder, gelten auch sie als beteiligt. Gibt es private Aufnahmen aus großer Höhe, werden Objektive oder Bildbearbeitung verantwortlich gemacht.
Damit wird die Vorstellung immer schwerer überprüfbar.
Eine wissenschaftliche Erklärung muss grundsätzlich die Möglichkeit zulassen, durch Beobachtungen widerlegt zu werden. Eine Verschwörungserzählung kann dagegen so aufgebaut sein, dass nahezu jedes Gegenargument selbst zum Teil der Verschwörung erklärt wird.
Je mehr Belege auftauchen, desto größer erscheint dann nicht das Problem der Theorie, sondern angeblich die Täuschung.
Die NASA ist zum Symbol geworden
Für viele Flat-Earth-Anhänger steht die NASA deshalb längst für mehr als eine Raumfahrtbehörde. Sie ist zum Symbol eines vermeintlichen Systems geworden, das bestimmen soll, welches Bild Menschen von der Erde haben.
Historisches Misstrauen gegenüber Regierungen, echte Fälle staatlicher Geheimhaltung und die enorme Bedeutung von Bildern in der Raumfahrt erleichtern es, eine solche Vorstellung aufzubauen. Daraus folgt jedoch nicht, dass die behauptete Täuschung tatsächlich existiert.
Die Form der Erde hängt zudem nicht davon ab, ob man der NASA vertraut.
Astronomische Beobachtungen, Navigation, Vermessungen und Experimente lassen sich unabhängig von der amerikanischen Raumfahrt durchführen. Viele davon existierten bereits lange vor ihrer Gründung.
Die Behauptung, die NASA täusche die Menschheit über eine flache Erde, löst deshalb kein wissenschaftliches Problem. Sie löst vor allem ein Problem innerhalb der Verschwörungserzählung selbst.
Denn sobald die Erde flach sein soll, muss irgendwann erklärt werden, warum so vieles anderes auf das Gegenteil hindeutet.
Und genau an dieser Stelle wird aus der Raumfahrtbehörde der angebliche Täuschungsapparat.
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Quellen
▪︎ NASA – Earth Science
▪︎ NASA – Image Use and Processing
▪︎ NASA Goddard Space Flight Center – Earth Observations
▪︎ National Oceanic and Atmospheric Administration – Satellite and Earth Observation
▪︎ European Space Agency – Observing the Earth
▪︎ Encyclopaedia Britannica – Flat Earth
▪︎ Bundeszentrale für politische Bildung – Verschwörungstheorien und ihre Funktionsweise
▪︎ Universität Cambridge – Forschung zu Verschwörungsdenken und Umgang mit Gegenbeweisen
