Wer in Deutschland in einer klaren Nacht zum Himmel blickt, gewöhnt sich schnell an bestimmte Sternbilder. Der Große Wagen steht vertraut am nördlichen Himmel, der Polarstern dient als Orientierungspunkt, und im Winter zieht der Orion auffällig durch die Nacht.
Doch reist man weit genug nach Süden, verändert sich dieses vertraute Bild. Einige Sterne sinken immer tiefer Richtung Horizont, andere verschwinden vollständig. Gleichzeitig tauchen Sternbilder auf, die von Mitteleuropa aus niemals zu sehen sind.
Für die Vorstellung einer flachen Erde ist genau das ein interessantes Problem. Wenn sich über einer ebenen Fläche ein gemeinsamer Himmel befinden würde, müsste man dann nicht zumindest grundsätzlich überall dieselben Sterne sehen können?
Die Beobachtung zeigt etwas anderes.
Der Himmel hängt vom Standort ab
Welche Sterne sichtbar sind, hängt stark davon ab, an welchem Ort der Erde sich ein Beobachter befindet.
Von der Nordhalbkugel aus blickt man in andere Bereiche des Himmels als von der Südhalbkugel. Je weiter man nach Norden oder Süden reist, desto stärker verändert sich der sichtbare Ausschnitt.
Der Grund dafür liegt in der Orientierung der Erdoberfläche im Raum.
Ein Beobachter in Deutschland steht nicht in derselben Richtung auf der Erde wie jemand in Südafrika oder Australien. Beide blicken nachts von unterschiedlichen Seiten des Planeten in den Weltraum.
Dadurch verschieben sich die Sterne scheinbar gegenüber dem Horizont. Manche bleiben sichtbar, andere verschwinden darunter.
Der Polarstern zeigt, wie sich der Himmel verändert
Ein besonders anschauliches Beispiel ist der Polarstern.
In Deutschland steht er deutlich über dem nördlichen Horizont. Reist man weiter nach Norden, steigt er scheinbar höher am Himmel. In der Nähe des Nordpols befindet er sich nahezu direkt über dem Beobachter.
Fährt man dagegen nach Süden, sinkt der Polarstern immer weiter Richtung Horizont. Am Äquator steht er ungefähr dort, wo Himmel und Erde zusammentreffen. Noch weiter südlich verschwindet er vollständig unter dem Horizont.
Das geschieht nicht zufällig.
Die Höhe des nördlichen Himmelspols über dem Horizont entspricht ungefähr dem geografischen Breitengrad des Beobachters. Diese Beziehung wird seit Jahrhunderten für Orientierung und Navigation genutzt.
Wer sich also von Nord nach Süd bewegt, kann die Veränderung des Sternenhimmels unmittelbar verfolgen.
Auf der Südhalbkugel erscheint ein anderer Himmel
Menschen in Australien, Südafrika oder Teilen Südamerikas sehen Sterne und Sternbilder, die in Deutschland niemals über den Horizont steigen.
Dazu gehört beispielsweise das Kreuz des Südens. Es ist eines der bekanntesten Sternbilder des südlichen Himmels und spielt dort eine ähnliche Rolle bei der Orientierung wie der Polarstern im Norden.
Umgekehrt verschwinden viele für uns vertraute nördliche Sterne, je weiter man sich auf der Südhalbkugel befindet.
Besonders auffällig ist dabei auch die scheinbare Bewegung des Himmels. Auf der Nordhalbkugel scheinen Sterne um den nördlichen Himmelspol zu kreisen. Auf der Südhalbkugel lässt sich eine entsprechende Drehbewegung um den südlichen Himmelspol beobachten.
Diese beiden Himmelsrichtungen liegen voneinander weg.
Genau das passt zu Beobachtern, die sich auf unterschiedlichen Seiten einer kugelförmigen Erde befinden.
Warum sehen Menschen am Äquator besonders viel?
Eine interessante Ausnahme bilden Regionen in der Nähe des Äquators.
Von dort aus lassen sich im Verlauf eines Jahres große Teile sowohl des nördlichen als auch des südlichen Sternenhimmels beobachten. Der Grund ist die Lage zwischen beiden Hemisphären.
Ein Beobachter am Äquator blickt nicht dauerhaft bevorzugt in Richtung eines Himmelspols. Im Laufe der Nacht und des Jahres steigen deshalb viele Sterne beider Himmelshälften über den Horizont.
An den Polen ist es genau umgekehrt. Dort bleibt jeweils ungefähr eine Hälfte des Sternenhimmels dauerhaft verborgen.
Damit verändert sich nicht nur, welche Sterne sichtbar sind, sondern auch, wie lange und in welcher Höhe sie am Himmel erscheinen.
Auch die Jahreszeit spielt eine Rolle
Nicht jede Veränderung des Sternenhimmels hängt mit einer Reise zusammen.
Auch im Verlauf des Jahres sehen wir unterschiedliche Sternbilder.
Während die Erde die Sonne umkreist, zeigt die Nachtseite unseres Planeten zu verschiedenen Zeiten in unterschiedliche Richtungen des Weltraums. Deshalb prägen im Winter andere Sternbilder den Nachthimmel als im Sommer.
Orion ist beispielsweise ein typisches Sternbild des Winterhimmels in Mitteleuropa. In Sommernächten ist er dagegen kaum oder gar nicht zu sehen, weil er sich dann aus unserer Perspektive in Richtung der Sonne befindet.
Die Veränderung durch die Jahreszeiten kommt also zusätzlich zur Veränderung durch den geografischen Standort.
Könnte eine flache Erde dasselbe erklären?
Modelle einer flachen Erde versuchen häufig, den Sternenhimmel als eine Art Kuppel über einer Scheibe darzustellen.
Damit lässt sich jedoch nur schwer erklären, warum bestimmte Sterne auf der Südhalbkugel vollständig unsichtbar werden, während andere dort um einen gemeinsamen südlichen Himmelspol kreisen.
Noch schwieriger wird es, wenn Beobachtungen aus verschiedenen Breitengraden gleichzeitig berücksichtigt werden.
Ein Modell müsste erklären, warum der Polarstern mit zunehmender Reise nach Süden exakt tiefer steht, warum er schließlich verschwindet und warum gleichzeitig ein völlig anderer Himmelsbereich sichtbar wird.
Auf einer kugelförmigen Erde ergeben sich diese Beobachtungen unmittelbar aus der Geometrie.
Der Sternenhimmel verrät unseren Standort
Wir sehen also nicht überall dieselben Sterne, weil wir von verschiedenen Orten der Erde aus in unterschiedliche Richtungen in den Weltraum blicken.
Der Himmel ist nicht an jedem Ort ein völlig anderer. Viele Sterne sind über große Regionen hinweg gemeinsam sichtbar. Doch mit zunehmender Entfernung nach Norden oder Süden verschiebt sich der sichtbare Ausschnitt immer stärker.
Gerade deshalb konnte der Sternenhimmel über Jahrhunderte hinweg zur Navigation dienen.
Wer wusste, welche Sterne zu sehen waren und wie hoch sie über dem Horizont standen, konnte daraus Rückschlüsse auf den eigenen Standort ziehen.
Der Nachthimmel ist damit nicht nur schön anzusehen.
Er zeigt uns auch, wo auf der Erde wir stehen.
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Quellen
▪︎ NASA – Stars and Constellations
▪︎ NASA Science – The Night Sky
▪︎ European Southern Observatory – Observing the Southern Sky
▪︎ Royal Museums Greenwich – Stars and Navigation
▪︎ International Astronomical Union – Constellations
▪︎ Encyclopaedia Britannica – Celestial Sphere
▪︎ U.S. Naval Observatory – Celestial Navigation
▪︎ National Maritime Museum – Navigation by the Stars
