Hat eine Katastrophe eine Marszivilisation zerstoert

Der Mars ist heute eine kalte, trockene Welt mit einer dünnen Atmosphäre und einer Oberfläche, auf der flüssiges Wasser kaum dauerhaft bestehen kann. Doch das war nicht immer so. Täler, ehemalige Flussläufe, Seebecken und Sedimentgesteine erzählen von einer Vergangenheit, in der Wasser über die Oberfläche floss und zumindest zeitweise Bedingungen herrschten, die Leben ermöglicht haben könnten. Aus dieser erstaunlichen Veränderung entstand eine noch weitreichendere Frage: Könnte auf dem frühen Mars nicht nur einfaches Leben, sondern sogar eine Zivilisation entstanden sein – und könnte eine gewaltige Katastrophe sie ausgelöscht haben? Genau diese Frage verlangt jene saubere Trennung zwischen gesicherten Erkenntnissen, Hypothesen und Spekulationen, die für das Thema entscheidend ist. 

Dass der Mars eine dramatische Entwicklung durchlaufen hat, ist keine Spekulation. Die Hinweise auf einen früher feuchteren Planeten gehören inzwischen zu den grundlegenden Erkenntnissen der Marsforschung. Die eigentliche Überraschung beginnt deshalb nicht bei der Frage, ob sich der Mars verändert hat. Sie beginnt bei der Frage, wie weit man aus dieser Veränderung schließen darf. 

Eine Welt, auf der einst Wasser floss

Vor Milliarden Jahren sah der Mars erheblich anders aus als heute. Raumsonden und Rover haben Landschaftsformen gefunden, die sich überzeugend durch fließendes Wasser erklären lassen. Es gibt verzweigte Talsysteme, Ablagerungen ehemaliger Seen und Mineralien, die unter Beteiligung von Wasser entstanden sind. Im Gale-Krater, den der Rover Curiosity untersucht, sind mächtige Sedimentfolgen erhalten geblieben, die von wiederholten Phasen mit Oberflächen- und Grundwasser erzählen. Auch Untersuchungen im Jezero-Krater, dem Arbeitsgebiet von Perseverance, weisen auf eine lange Geschichte wasserreicher und zumindest zeitweise lebensfreundlicher Bedingungen hin. 

Wie warm dieser frühe Mars tatsächlich war und wie dauerhaft seine Seen, Flüsse oder möglicherweise größeren Gewässer existierten, wird weiterhin diskutiert. Das ändert jedoch nichts am entscheidenden Punkt: Flüssiges Wasser war auf dem Mars über lange Abschnitte seiner frühen Geschichte vorhanden. Untersuchungen seiner früheren Wasservorräte deuten sogar darauf hin, dass der Planet einst erheblich mehr Wasser besessen haben muss als heute. 

Damit war der Mars zumindest grundsätzlich bewohnbar. „Bewohnbar“ bedeutet in der Planetenforschung allerdings nicht, dass dort tatsächlich Leben existierte. Noch weniger bedeutet es, dass sich komplexe Organismen oder gar intelligente Wesen entwickelten. Es besagt zunächst lediglich, dass Umweltbedingungen vorhanden gewesen sein könnten, unter denen Leben, wie wir es kennen, hätte entstehen oder bestehen können. Bis heute ist nicht einmal außerirdisches mikrobielles Leben auf dem Mars eindeutig nachgewiesen worden. 

Zwischen einem bewohnbaren See und einer marsianischen Zivilisation liegt deshalb eine gewaltige wissenschaftliche Lücke.

Die wirkliche Katastrophe des Mars

Trotzdem enthält die Vorstellung einer Marskatastrophe einen wahren Kern. Der Planet verlor einen großen Teil jener Bedingungen, die seine Oberfläche einst wesentlich lebensfreundlicher machten.

Ein entscheidender Unterschied zwischen Erde und Mars liegt in ihrer Entwicklung im Inneren. Der Mars ist kleiner und kühlte schneller aus. Sein frühes globales Magnetfeld verschwand weitgehend. Damit fehlte zunehmend ein Schutzschild gegen die Einwirkung des Sonnenwinds. Gleichzeitig konnten energiereiche Teilchen und ultraviolette Strahlung Moleküle in den oberen Atmosphärenschichten beeinflussen und dazu beitragen, dass Bestandteile der Atmosphäre ins All entkamen.

Die NASA-Mission MAVEN wurde insbesondere dafür entwickelt, diesen Prozess zu untersuchen. Ihre Messungen zeigen, dass Sonnenwind und Strahlung wesentlich zum Verlust der Marsatmosphäre beigetragen haben. Der Prozess kann sich bei starken Sonnenereignissen verstärken. 2025 gelang MAVEN zudem erstmals eine direkte Beobachtung des sogenannten Sputterings am Mars, eines Mechanismus, bei dem energiereiche Teilchen Atome aus der Atmosphäre herausschlagen können. 

Das Bild, das daraus entsteht, unterscheidet sich erheblich von einer plötzlichen planetaren Apokalypse. Der Mars wurde wahrscheinlich nicht an einem einzigen Tag von einer lebensfreundlichen Welt in die heutige Wüste verwandelt. Seine Entwicklung zog sich über sehr lange Zeiträume hin. Atmosphäre ging verloren, Wasser verschwand teilweise ins All und wurde teilweise in Mineralen, Eis und im Untergrund gebunden. Klimatische Bedingungen wechselten, und die Oberfläche wurde zunehmend kalt, trocken und stärker der Strahlung ausgesetzt. 

Für mögliches frühes Leben könnte diese Entwicklung tatsächlich katastrophal gewesen sein. Sollte es Mikroorganismen auf oder nahe der Oberfläche gegeben haben, schrumpften ihre Lebensräume erheblich. Einige könnten – sofern sie überhaupt existierten – möglicherweise noch lange in geschützten Bereichen des Untergrunds überlebt haben. Ob das tatsächlich geschah, wissen wir nicht.

Aber daraus entstand noch eine ganz andere Geschichte.

Die Theorie von der nuklearen Vernichtung des Mars

Eine der spektakulärsten Vorstellungen über die Vergangenheit des Planeten stammt vom Physiker John E. Brandenburg. Er vertrat die Hypothese, dass auf dem Mars in ferner Vergangenheit gewaltige nukleare beziehungsweise thermonukleare Explosionen stattgefunden hätten. In einer 2014 veröffentlichten Arbeit verband er diese Idee schließlich ausdrücklich mit der Möglichkeit einer ehemaligen Marszivilisation. 

Ein wichtiger Bestandteil seiner Argumentation sind ungewöhnliche Isotopenverhältnisse in der Marsatmosphäre, insbesondere beim Edelgas Xenon. Brandenburg verwies unter anderem auf den relativ hohen Anteil von Xenon-129 und interpretierte bestimmte Messwerte als möglichen Hinweis auf außergewöhnlich starke nukleare Prozesse. Seine weitergehende Vorstellung lautet, dass eine oder mehrere gigantische Explosionen Gebiete des Mars verwüstet und möglicherweise dort existierende intelligente Lebensformen vernichtet haben könnten. 

Gerade dieser Punkt ist wichtig: Die gemessenen Isotopenverhältnisse sind real. Ihre Interpretation als Überreste von Kernwaffenexplosionen ist es nicht.

Isotope wie Xenon-129 können durch unterschiedliche natürliche Prozesse entstehen und ihre heutige Verteilung hängt von der gesamten geologischen und atmosphärischen Geschichte eines Planeten ab. Xenon-129 entsteht beispielsweise durch den radioaktiven Zerfall des heute ausgestorbenen Isotops Iod-129. Zusätzlich verändern atmosphärischer Verlust und Isotopenfraktionierung über Milliarden Jahre die Zusammensetzung planetarer Atmosphären. Modelle der Entwicklung der Marsatmosphäre beschäftigen sich deshalb ausdrücklich mit solchen Prozessen. 

Aus der Existenz ungewöhnlicher Xenonwerte lässt sich daher nicht ableiten, dass auf dem Mars Kernwaffen explodierten.

Wo sind die Spuren einer Zivilisation?

Noch schwerer wiegt ein anderes Problem. Eine technologische Zivilisation sollte Spuren hinterlassen.

Die Oberfläche des Mars wird inzwischen seit Jahrzehnten mit immer leistungsfähigeren Kameras aus dem Orbit untersucht. Mehrere Rover haben Gesteine analysiert, Sedimentschichten untersucht und große Strecken auf dem Planeten zurückgelegt. Dabei wurden faszinierende geologische Strukturen, organische Moleküle und zunehmend interessante Hinweise auf frühere bewohnbare Umgebungen entdeckt. Eine eindeutig künstliche Struktur, ein technisches Artefakt oder irgendein anderer belastbarer Nachweis einer ehemaligen Marszivilisation wurde dagegen bislang nicht gefunden. 

Auch Cydonia, eine Region, die in spekulativen Marsgeschichten immer wieder auftaucht, liefert keinen solchen Beweis. Berühmt wurde sie vor allem durch das sogenannte Marsgesicht, eine Landschaftsformation, deren Erscheinungsbild auf frühen Aufnahmen zusammen mit Beleuchtung, Bildauflösung und menschlicher Mustererkennung den Eindruck eines Gesichts erzeugte. Hochauflösendere Aufnahmen zeigten später eine natürliche Geländeformation.

Das bedeutet nicht, dass jede denkbare Spur einer Milliarden Jahre alten Kultur zwangsläufig noch deutlich erkennbar sein müsste. Erosion, Staubablagerungen, Einschläge und geologische Veränderungen können Landschaften verändern. Doch die Behauptung einer ganzen technischen Zivilisation benötigt positive Belege. Dass denkbare Beweise theoretisch zerstört worden sein könnten, kann selbst nicht als Beweis dienen.

Genau hier verlässt die Vorstellung einer zerstörten Marszivilisation den Bereich einer wissenschaftlich gestützten Hypothese.

Einschläge konnten den Mars tatsächlich verwüsten

Große Katastrophen hat der Mars allerdings zweifellos erlebt. Seine Oberfläche ist übersät mit Einschlagkratern. In der Frühzeit des Sonnensystems trafen große Asteroiden und andere Körper die jungen Planeten erheblich häufiger als heute. Solche Einschläge konnten lokal und regional verheerende Auswirkungen haben und zeitweise auch Atmosphäre und Klima beeinflussen.

Mars besitzt mit Hellas Planitia beispielsweise eines der größten Einschlagbecken des Sonnensystems. Andere gewaltige Becken dokumentieren ebenfalls eine äußerst gewalttätige Vergangenheit.

Auch die Entstehung der auffälligen Zweiteilung des Mars – der Unterschied zwischen den überwiegend höher gelegenen südlichen Hochländern und den tiefer liegenden nördlichen Ebenen – wurde mit sehr frühen gigantischen Einschlägen in Verbindung gebracht, wobei ihre genaue Entstehung weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen ist. 

Eine Katastrophe könnte also durchaus Lebensräume zerstört haben. Große Einschläge, massive Vulkanaktivität, Veränderungen der Atmosphäre und klimatische Umbrüche sind reale Bestandteile der Marsgeschichte.

Was fehlt, ist die Zivilisation, die dadurch vernichtet worden sein soll.

Die Suche beginnt wissenschaftlich viel früher

Die aktuelle Marsforschung stellt deshalb eine wesentlich grundlegendere Frage: Gab es überhaupt jemals Leben?

Diese Frage ist bereits schwierig genug. Selbst ein möglicher Nachweis uralter Mikroorganismen muss gegen zahlreiche nichtbiologische Erklärungen geprüft werden. Organische Moleküle allein reichen nicht aus, denn organische Chemie kann ohne Leben entstehen. Mineralstrukturen können sowohl biologische als auch rein geochemische Ursachen besitzen. Selbst auffällige chemische Kombinationen müssen deshalb vorsichtig interpretiert werden.

Gerade die jüngsten Untersuchungen des Jezero-Kraters zeigen, wie weit die Forschung inzwischen gekommen ist und gleichzeitig, wie vorsichtig sie bleiben muss. Perseverance untersucht Gesteine aus Umgebungen, die früher für Leben geeignet gewesen sein könnten. Einige Proben besitzen mineralogische und chemische Merkmale, die für die Suche nach möglichen Biosignaturen besonders interessant sind. Doch Interesse ist kein Lebensnachweis. 

Von dort bis zu intelligentem Leben wären noch viele weitere Beweisschritte notwendig.

Man müsste zunächst überzeugend zeigen, dass Leben auf dem Mars überhaupt entstanden ist. Anschließend müsste nachgewiesen werden, dass es sich über sehr lange Zeiträume halten und zu komplexen Organismen entwickeln konnte. Erst danach würde sich überhaupt die Frage nach Intelligenz, Technik und einer Zivilisation stellen.

Für keinen dieser weitergehenden Schritte existiert derzeit ein Beleg.

Vielleicht gab es eine Katastrophe – aber eine andere

Die Geschichte des Mars ist auch ohne eine untergegangene Zivilisation außergewöhnlich. Vor uns liegt ein Planet, der offenbar zumindest zeitweise Flüsse, Seen, eine deutlich dichtere Atmosphäre und Umgebungen besaß, in denen mikrobielles Leben denkbar gewesen wäre. Danach veränderten sich seine Bedingungen grundlegend. Atmosphäre entwich, Wasser verschwand von großen Teilen der Oberfläche und eine ehemals erheblich feuchtere Welt entwickelte sich zum heutigen kalten Wüstenplaneten. Wie genau die verschiedenen Prozesse zusammenspielten und warum die Oberflächenhabitabilität des Mars schließlich weitgehend verloren ging, wird bis heute untersucht. 

In diesem Sinn hat der Mars tatsächlich eine planetare Katastrophe erlebt – allerdings keine, für die man Kernwaffen, einen Krieg oder eine verschwundene Hochkultur benötigt. Seine eigene Entwicklung und die Wechselwirkung mit der Sonne reichen aus, um einen erheblichen Teil der Veränderung zu erklären.

Die Vorstellung, dass dabei eine Marszivilisation unterging, bleibt eine faszinierende Geschichte. Die ungewöhnlichen Isotope, auf die ihre Befürworter verweisen, sind kein Beweis für einen nuklearen Krieg, und auf der Oberfläche wurde bislang keine überzeugende Spur einer technischen Kultur gefunden. Wissenschaftlich steht deshalb nicht die Frage im Vordergrund, wer den Mars zerstört haben könnte.

Die viel spannendere Frage ist noch immer die einfachere: Ob auf dieser einst wasserreichen Welt überhaupt jemals etwas gelebt hat.

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Quellen
▪︎ NASA – MAVEN, Entwicklung und Verlust der Marsatmosphäre
▪︎ NASA – Curiosity: Erkenntnisse zur früheren Bewohnbarkeit und Klimageschichte des Mars
▪︎ NASA Goddard Space Flight Center – Untersuchungen zum früheren Wasserbestand des Mars
▪︎ Nature – Kite et al.: Carbonate formation and fluctuating habitability on Mars
▪︎ Nature Communications – Kizovski et al.: Fe-phosphates in Jezero Crater as evidence for an ancient habitable environment on Mars
▪︎ Nature – Hurowitz et al.: Untersuchungen mineralischer und organischer Verbindungen im Jezero-Krater
▪︎ Kurokawa, Kurosawa & Usui – Untersuchungen der Marsatmosphäre anhand von Stickstoff- und Edelgasisotopen
▪︎ Brandenburg, John E. – Evidence of a Massive Thermonuclear Explosion on Mars in the Past, The Cydonian Hypothesis, and Fermi’s Paradox