Blue Moon Mark 2 Der Mondlander von Blue Origin fuer das Artemis-Programm

Als die NASA Blue Origin im Mai 2023 mit der Entwicklung eines zweiten bemannten Mondlanders für das Artemis-Programm beauftragte, war die Rollenverteilung zunächst klar. SpaceX sollte mit einer Mondversion des Starship die ersten Astronauten landen, Blue Origins Blue Moon Mark 2 einige Missionen später folgen. Inzwischen hat sich der Zeitplan verändert. Blue Moon Mark 2 soll nach den aktuellen Planungen bereits 2027 eine wichtige Rolle bei Artemis III übernehmen – zunächst nicht auf dem Mond, sondern bei einer Erprobung im Erdorbit. Erst danach soll sich zeigen, wie schnell aus dem gewaltigen Lander tatsächlich ein Fahrzeug für bemannte Flüge zur Mondoberfläche werden kann.

Blue Moon Mark 2 ist damit mehr als Blue Origins Antwort auf das Starship. Der Lander gehört zu einer neuen Generation von Raumfahrzeugen, die nicht nur einzelne Expeditionen ermöglichen, sondern regelmäßige Aufenthalte von Menschen am Mond unterstützen sollen. Dafür muss Blue Origin Probleme lösen, die es in dieser Form seit Apollo nicht mehr gab: Wie bringt man einen großen bemannten Lander in den Mondorbit? Wie lagert man extrem kalte Treibstoffe über längere Zeit im Weltraum? Und wie baut man ein System, das nicht nur einmal, sondern wiederholt eingesetzt werden kann?

Was ist Blue Moon Mark 2?

Blue Moon Mark 2, meist als MK2 bezeichnet, ist ein bemanntes Human Landing System von Blue Origin. Seine Aufgabe besteht darin, Astronauten aus einer Umlaufbahn um den Mond zur Oberfläche zu bringen und später wieder in den Orbit zurückzubefördern. Anders als die Apollo-Mondlandefähre ist MK2 als einstufiges Fahrzeug konzipiert: Landung und Wiederaufstieg erfolgen mit demselben Raumfahrzeug.

Der Lander ist rund 16 Meter hoch und wird von drei BE-7-Triebwerken angetrieben. Als Treibstoffe dienen flüssiger Wasserstoff und flüssiger Sauerstoff. Für Blue Origin ist diese Kombination zentral, weil sie leistungsfähig ist und langfristig zu einer Raumfahrtinfrastruktur passen könnte, bei der Ressourcen möglicherweise auch außerhalb der Erde gewonnen werden. Gleichzeitig erhöht sie die technische Schwierigkeit erheblich, denn Wasserstoff und Sauerstoff müssen bei extrem niedrigen Temperaturen gelagert werden.

Blue Origin entwickelt neben der bemannten Variante auch eine Frachtversion. Das übergeordnete Ziel besteht nicht nur darin, Astronauten gelegentlich zum Mond zu bringen. MK2 soll Teil eines Systems werden, das wiederkehrende Transporte und längerfristige Aktivitäten auf der Mondoberfläche ermöglicht.

Warum entschied sich die NASA für Blue Origin?

Blue Origin hatte bereits beim ersten Wettbewerb um einen bemannten Artemis-Lander mitgeboten, verlor damals jedoch gegen SpaceX. Die NASA wollte sich langfristig trotzdem nicht auf einen einzigen Anbieter verlassen. Im Mai 2023 erhielt Blue Origin deshalb den Auftrag für einen zweiten Human Landing System-Anbieter.

Der Vertrag hat einen Wert von rund 3,4 Milliarden Dollar. Blue Origin verpflichtete sich zugleich, erhebliche eigene Mittel in die Entwicklung zu investieren. Das ursprüngliche Programm sah zunächst eine unbemannte Demonstrationslandung und anschließend eine bemannte Mission im Rahmen von Artemis V vor.

Hinter Blue Moon steht dabei nicht Blue Origin allein. Das Unternehmen führt ein Team mehrerer Raumfahrtfirmen. Dazu gehören unter anderem Lockheed Martin, Boeing, Draper, Astrobotic und Honeybee Robotics. Die Partner übernehmen unterschiedliche Teile des komplexen Systems – von Navigation und Raumfahrttechnik bis zu Komponenten für den Betrieb am Mond.

Für die NASA bedeutet der zweite Lander vor allem eines: Konkurrenz und technische Redundanz. SpaceX und Blue Origin verfolgen sehr unterschiedliche Konzepte. Sollte sich eines davon verzögern oder technische Schwierigkeiten bekommen, besitzt die NASA zumindest grundsätzlich einen zweiten Entwicklungspfad.

Wie gelangen Astronauten in Blue Moon Mark 2?

Blue Moon ist nicht dafür vorgesehen, Astronauten von der Erde zu starten oder sie wieder zur Erde zurückzubringen. Diese Aufgabe übernimmt im gegenwärtigen Artemis-Konzept das Orion-Raumschiff.

Bei einer klassischen Mondmission würde Blue Moon zunächst unbemannt mit einer New-Glenn-Rakete starten. Das Fahrzeug müsste anschließend in den vorgesehenen Mondorbit gebracht und für die Landung vorbereitet werden. Die Astronauten starten unabhängig davon mit Orion auf dem Space Launch System der NASA. Erst im Weltraum treffen Besatzung und Mondlander aufeinander.

Die Astronauten wechseln anschließend von Orion beziehungsweise – abhängig von der jeweiligen Missionsarchitektur – aus einer anderen Infrastruktur in den Lander. Blue Moon bringt sie zur Oberfläche, dient dort als Aufenthalts- und Arbeitssystem und startet später wieder in Richtung Mondorbit.

Gerade dieser Ablauf zeigt, wie weit sich Artemis von Apollo entfernt hat. Bei Apollo wurden Kommandokapsel und Mondlander gemeinsam mit einer einzigen Saturn V gestartet. Das moderne Artemis-System verteilt die Mission auf mehrere Raumfahrzeuge, Raketen und Starts.

Warum braucht Blue Moon eine eigene Treibstofflogistik?

Eine der größten Herausforderungen von Mark 2 ist nicht die eigentliche Landung, sondern die Versorgung mit Treibstoff. Der Lander verwendet kryogenen Wasserstoff und Sauerstoff. Diese Kombination bietet eine hohe Leistung, lässt sich im Weltraum aber nur mit erheblichem technischem Aufwand über längere Zeit speichern.

Zur Architektur gehört deshalb ein sogenannter Cislunar Transporter, an dessen Entwicklung Lockheed Martin beteiligt ist. Er soll Treibstoff zwischen verschiedenen Bereichen des Erde-Mond-Raums transportieren und Blue Moon versorgen. Damit entsteht eine kleine Logistikkette im Weltraum, bevor überhaupt ein Astronaut den Mond betritt.

Das Konzept ist anspruchsvoll. Tiefgekühlte Flüssigkeiten erwärmen sich durch Sonneneinstrahlung und andere Wärmequellen. Ein Teil könnte verdampfen, wenn Tanks und Kühlsysteme die Temperaturen nicht ausreichend kontrollieren. Blue Origin muss deshalb Technologien für das sogenannte Cryogenic Fluid Management beherrschen – also das Lagern, Übertragen und Kontrollieren kryogener Treibstoffe im Weltraum.

Genau diese Technologie könnte langfristig weit über Blue Moon hinaus wichtig werden. Soll künftig tatsächlich eine dauerhafte Infrastruktur zwischen Erde und Mond entstehen, werden Treibstoffdepots und Betankungsvorgänge im Weltraum wahrscheinlich eine zentrale Rolle spielen.

Welche Rolle spielen die BE-7-Triebwerke?

Das BE-7 wurde speziell für Mondlander entwickelt. Bei Mark 2 sollen drei dieser Triebwerke eingesetzt werden. Sie verbrennen Wasserstoff und Sauerstoff und müssen ihre Leistung während der Landung präzise regeln können.

Bei einem Mondlander genügt es nicht, einfach möglichst viel Schub zu erzeugen. Während des Abstiegs muss das Fahrzeug Geschwindigkeit abbauen, seine Flugbahn korrigieren und sich dem Boden kontrolliert nähern. Dafür müssen die Triebwerke stark regelbar sein und zuverlässig auf Steuerbefehle reagieren.

Erfahrungen mit dem BE-7 und den kryogenen Systemen werden teilweise bereits mit dem kleineren unbemannten Blue Moon Mark 1 gesammelt. Der erste Mark-1-Lander Endurance soll unter realen Bedingungen unter anderem Präzisionslandung, Navigation und kryogene Antriebstechnik erproben. Die NASA betrachtet diese Tests ausdrücklich auch als Risikoreduzierung für spätere bemannte Systeme wie Mark 2.

Damit sind Mark 1 und Mark 2 technisch eng miteinander verbunden, obwohl sie unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Mark 1 ist ein Frachtlander und Testfahrzeug, Mark 2 das deutlich größere bemannte System.

Wie viele Astronauten passen in Blue Moon Mark 2?

Die Architektur von Mark 2 ist auf größere und längere Missionen ausgelegt als die Apollo-Mondlandefähre. In einer vollständig ausgebauten Version soll das System bis zu vier Astronauten unterstützen können. Frühere Planungen sahen Aufenthalte von bis zu 30 Tagen vor; die konkrete Besatzungsstärke und Aufenthaltsdauer hängen jedoch von der jeweiligen Artemis-Mission und der Entwicklungsstufe des Fahrzeugs ab.

Für die ersten geplanten Landeeinsätze sind kleinere Besatzungen möglich. Entscheidend ist, dass Blue Moon nicht nur Transportmittel ist. Die Kabine muss den Astronauten während des Fluges und zumindest zeitweise auf der Oberfläche eine kontrollierte Umgebung bieten. Dazu gehören Sauerstoffversorgung, Temperaturregelung, Kohlendioxidentfernung, Stromversorgung und zahlreiche Sicherheitssysteme.

Wie konkret diese Arbeiten inzwischen geworden sind, zeigte sich 2026 am Johnson Space Center. Dort nahm die NASA ein maßstabgetreues Kabinenmodell von Blue Moon Mark 2 für Training und Tests in Betrieb. Die Crewkabine des Modells ist mehr als fünf Meter hoch. Astronauten und Ingenieure können damit Bewegungsabläufe, Arbeitsplätze, Schnittstellen und Missionsverfahren erproben, lange bevor ein bemannter Lander tatsächlich startet.

Warum soll Blue Moon schon bei Artemis III eingesetzt werden?

Die ursprüngliche Planung sah Mark 2 erst bei einer späteren Mondlandung vor. Anfang 2026 stellte die NASA jedoch den Artemis-Zeitplan um. Artemis III soll nach dem gegenwärtigen Konzept 2027 zunächst im Erdorbit stattfinden und wichtige Verfahren für die späteren Mondmissionen testen.

Dabei soll Orion mit einem Testfahrzeug von SpaceX, Blue Origin oder möglicherweise beiden Unternehmen Rendezvous- und Kopplungsmanöver durchführen. Für Blue Origin ist ein Pathfinder vorgesehen, dessen Architektur auf Mark 2 basiert. Er soll wesentliche Avionik, Flugsoftware und Steuerungssysteme des späteren Mondlanders enthalten. Bis zu zwei Orion-Astronauten könnten während des Tests sogar in das Blue-Origin-Fahrzeug wechseln.

Damit wird Artemis III zu einer Art Generalprobe im Erdorbit. Die NASA kann überprüfen, ob Orion und die kommerziellen Lander miteinander kommunizieren, sich sicher annähern und koppeln können, bevor dieselben Vorgänge weit entfernt von der Erde durchgeführt werden.

Der Test entscheidet allerdings noch nicht allein darüber, welcher Lander tatsächlich die nächsten Astronauten auf den Mond bringt. Die weitere Missionsplanung hängt von den Ergebnissen der Erprobungen und vor allem davon ab, welches System rechtzeitig einsatzbereit ist. Die NASA strebt gegenwärtig eine bemannte Artemis-Mondlandung im Jahr 2028 an.

Was unterscheidet Blue Moon Mark 2 vom Starship HLS?

SpaceX und Blue Origin verfolgen zwei grundsätzlich verschiedene Wege. Starship HLS basiert auf einem sehr großen Raumfahrzeug, dessen Grundarchitektur auch für andere Aufgaben wie Satellitenstarts und langfristig Marsmissionen vorgesehen ist. Blue Moon wurde dagegen von Beginn an wesentlich stärker auf den Einsatz im Erde-Mond-Raum zugeschnitten.

Beide Systeme haben allerdings ein gemeinsames Problem: Sie benötigen eine Infrastruktur, die weit über einen einzelnen Raketenstart hinausgeht. SpaceX setzt auf Betankung seines Starships im Erdorbit. Blue Origin entwickelt eine Architektur mit eigener Treibstofflogistik und einem Cislunar Transporter.

Damit wird der Wettbewerb zwischen beiden Konzepten nicht allein durch die Frage entschieden, welcher Lander besser landen kann. Entscheidend ist, ob die gesamte Kette zuverlässig funktioniert – vom Start über Rendezvous und Treibstoffversorgung bis zum Transfer der Besatzung und zum Wiederaufstieg vom Mond.

Ein Bericht des NASA-Generalinspekteurs machte 2026 deutlich, dass die Entwicklung der Human Landing Systems weiterhin zu den entscheidenden Terminrisiken des Artemis-Programms gehört. Trotz Fortschritten bleiben bei beiden Anbietern anspruchsvolle technische und zeitliche Herausforderungen.

Blue Moon soll mehr als ein einzelner Mondlander werden

Blue Origin betrachtet Mark 2 nicht als Raumfahrzeug für eine einzelne prestigeträchtige Mondlandung. Hinter dem Konzept steht die Vorstellung einer dauerhaft nutzbaren Transportinfrastruktur zwischen Erde und Mond. Wiederverwendbare Fahrzeuge, Tankmöglichkeiten im Weltraum und regelmäßige Frachtflüge sollen langfristig ermöglichen, dass Menschen nicht nur zum Mond reisen, sondern dort wiederholt arbeiten.

Bis dahin liegt allerdings noch eine ungewöhnlich anspruchsvolle Testphase vor Blue Origin. Zunächst muss Mark 1 zeigen, dass die grundlegenden Landetechnologien funktionieren. Danach müssen die Systeme von Mark 2 im Weltraum erprobt werden. Erst anschließend kann ein bemannter Mondflug folgen.

Gerade deshalb ist Blue Moon Mark 2 für das Artemis-Programm so interessant. Der Lander steht nicht nur für die Rückkehr von Astronauten auf die Mondoberfläche. Er steht für den Versuch, aus einer Mondlandung etwas zu machen, das Apollo nie sein sollte: einen wiederholbaren Transportweg zu einer anderen Welt.

Die Blue Origin-Story

Quellen
▪︎ NASA – NASA Selects Blue Origin as Second Artemis Lunar Lander Provider
▪︎ NASA – NASA Outlines Preliminary Artemis III Mission Plans
▪︎ NASA – How NASA’s Artemis III Lander Test Will Pave Way for Moon Landings
▪︎ NASA – Industry Moon Lander Training Cabin Lands at NASA for Artemis
▪︎ NASA – Blue Origin Moon Lander Completes Testing at NASA Vacuum Chamber
▪︎ NASA Office of Inspector General – NASA’s Management of the Human Landing System Contracts
▪︎ Blue Origin – Blue Moon Mark 2
▪︎ Aviation Week – Blue Moon Mark 2 und Cislunar-Transportarchitektur