New Shepard steigt senkrecht aus der texanischen Wüste auf, überschreitet die Grenze zum Weltraum und kehrt wenige Minuten später in zwei getrennten Teilen zur Erde zurück. Während die Passagierkapsel an Fallschirmen zu Boden sinkt, landet die Raketenstufe aufrecht auf einem Landeplatz. Anschließend können beide Hauptbestandteile erneut eingesetzt werden. Was wie ein kurzer Ausflug aussieht, verlangt ein genau abgestimmtes Zusammenspiel aus Raketenantrieb, Flugsteuerung, Sicherheitssystemen und automatischer Landetechnik.
Das von Blue Origin entwickelte System ist jedoch keine kleinere Version einer gewöhnlichen Orbitalrakete. New Shepard bringt weder Menschen zur Internationalen Raumstation noch Satelliten in eine Erdumlaufbahn. Die Rakete fliegt auf einer steilen, bogenförmigen Bahn bis über 100 Kilometer Höhe und fällt anschließend wieder zur Erde zurück. Gerade diese Beschränkung macht es möglich, Booster und Kapsel vergleichsweise schnell zurückzubringen und erneut zu verwenden.
Was ist New Shepard?
New Shepard ist ein vollständig autonom arbeitendes, suborbitales Raketensystem. Es besteht aus einer einstufigen Antriebseinheit, die Blue Origin als Propulsion Module bezeichnet, und einer darüber montierten Druckkapsel für bis zu sechs Menschen. Benannt wurde das System nach Alan Shepard, der 1961 als erster US-Amerikaner ins All flog. Auch sein Flug mit der Mercury-Kapsel Freedom 7 führte nicht in eine Umlaufbahn, sondern auf eine suborbitale Flugbahn.
Ein vollständiger Flug von New Shepard dauert ungefähr elf Minuten. Dabei steigt das Fahrzeug bis über die Kármán-Linie, die in 100 Kilometern Höhe liegt und von der Fédération Aéronautique Internationale als Grenze zwischen Luft- und Raumfahrt verwendet wird. Diese Grenze ist keine feste physikalische Trennlinie. Die Atmosphäre endet dort nicht plötzlich, doch 100 Kilometer haben sich international als gebräuchliche Marke für den Beginn des Weltraums etabliert.
New Shepard erreicht zwar den Weltraum, aber keinen Erdorbit. Dafür fehlt dem Fahrzeug vor allem die hohe Geschwindigkeit in horizontaler Richtung. Ein Raumschiff muss nicht nur eine große Höhe erreichen, sondern sich auch so schnell seitwärts bewegen, dass es beim Fallen die gekrümmte Erde fortwährend verfehlt. New Shepard steigt dagegen nahezu senkrecht auf und kehrt nach dem höchsten Punkt seiner Flugbahn wieder in die Atmosphäre zurück.
Wie startet New Shepard?
Die Rakete startet vom abgelegenen Launch Site One im Westen des US-Bundesstaates Texas. Angetrieben wird sie von einem einzelnen BE-3PM-Triebwerk, das Blue Origin eigens für New Shepard entwickelte. Es verbrennt flüssigen Wasserstoff mit flüssigem Sauerstoff und erzeugt beim Start einen maximalen Schub von rund 490 Kilonewton.
Nach der Zündung hebt das gesamte Fahrzeug senkrecht ab. Die Kapsel bleibt während des angetriebenen Aufstiegs mit dem Booster verbunden. Das Triebwerk beschleunigt die Rakete auf mehr als die dreifache Schallgeschwindigkeit und führt sie durch die dichteren Schichten der Atmosphäre. Heckflossen stabilisieren das Fahrzeug und unterstützen die Steuerung.
Nach ungefähr zweieinhalb Minuten wird das BE-3PM abgeschaltet. Zu diesem Zeitpunkt bewegt sich New Shepard noch immer mit hoher Geschwindigkeit nach oben. Die Kapsel trennt sich vom Booster, doch beide Teile steigen aufgrund ihres vorhandenen Schwungs zunächst weiter. Diese antriebslose Phase wird als ballistischer Flug bezeichnet.
In der Nähe des höchsten Punktes befinden sich Kapsel und Booster für kurze Zeit im freien Fall. Menschen und Gegenstände in der Kabine bewegen sich mit derselben Beschleunigung wie das Raumfahrzeug und scheinen deshalb schwerelos zu sein. Die Erdanziehung ist in dieser Höhe keineswegs verschwunden. Das Gefühl der Schwerelosigkeit entsteht, weil die Kapsel und alles in ihrem Inneren gemeinsam fallen.
Wie kehrt der Booster zur Erde zurück?
Nach der Trennung beginnt die Antriebseinheit ihren eigenen Rückflug. Sie fällt mit dem Triebwerk voran zur Erde und muss dabei stabilisiert, abgebremst und präzise zum Landeplatz gelenkt werden. Mehrere Bauteile übernehmen unterschiedliche Aufgaben.
Ein ringförmiger Aufbau mit keilförmigen Flächen verschiebt die aerodynamischen Kräfte so, dass der Booster während des Abstiegs stabil bleibt. Aus diesem Bereich fahren außerdem große Luftbremsen aus. Sie erhöhen den Widerstand und verringern die Fallgeschwindigkeit erheblich. Bewegliche Flossen am unteren Ende steuern die Raketenstufe durch die Atmosphäre und richten sie auf den vorgesehenen Landepunkt aus.
Kurz vor dem Boden startet das BE-3PM erneut. Für diese Phase ist entscheidend, dass sich das Triebwerk stark drosseln lässt. Beim Aufstieg benötigt die Rakete möglichst viel Schub, bei der Landung würde dieselbe Leistung den nahezu leeren und damit leichteren Booster wieder nach oben beschleunigen. Das BE-3PM kann seinen Schub deshalb bis auf etwa 90 Kilonewton reduzieren.
Die Flugsteuerung reguliert die Leistung so, dass der Booster seine Fallgeschwindigkeit fast vollständig abbaut. Gleichzeitig fährt das Landegestell aus. Die Raketenstufe setzt schließlich senkrecht auf dem vorgesehenen Landeplatz auf. Nach Angaben von Blue Origin wird sie unmittelbar vor der Landung auf etwa zehn Kilometer pro Stunde abgebremst.
Die grundlegende Technik stellte das Unternehmen am 23. November 2015 unter Beweis. New Shepard erreichte damals eine Höhe von 100,5 Kilometern, bevor der Booster erstmals nach einem Weltraumflug kontrolliert aufrecht landete. Dasselbe Antriebsmodul absolvierte anschließend vier weitere Flüge, bevor Blue Origin es außer Dienst stellte.
Wie landet die New-Shepard-Kapsel?
Die Kapsel verfolgt nach der Trennung einen anderen Weg als der Booster. Sie besitzt kein Haupttriebwerk für eine senkrechte Landung. Nach dem höchsten Punkt ihrer Bahn fällt sie zunächst frei zurück und tritt mit dem breiten, hitzebeständigen Boden voraus in die dichteren Luftschichten ein.
Während des Abstiegs wird die Kapsel durch den Luftwiderstand abgebremst. Zunächst öffnen sich kleinere Stabilisierungsschirme, danach drei große Hauptfallschirme. Sie verringern die Geschwindigkeit so weit, dass die Kapsel kontrolliert in der Wüste landen kann. Unmittelbar vor dem Bodenkontakt sorgt ein zusätzliches Dämpfungssystem dafür, die verbleibende Aufprallenergie zu reduzieren.
Die Passagiere erleben dabei unterschiedliche Belastungen. Während des Aufstiegs wirken zeitweise ungefähr drei Erdbeschleunigungen auf sie. Bei der Rückkehr können es nach Angaben von Blue Origin etwa fünf Erdbeschleunigungen werden. Die Sitze sind so ausgerichtet und gepolstert, dass der Körper diese Kräfte in einer möglichst günstigen Position aufnimmt.
Da New Shepard vollständig automatisch fliegt, befinden sich keine Piloten an Bord. Navigation, Triebwerkssteuerung, Trennung, Boosterlandung und Fallschirmauslösung werden von den Systemen des Fahrzeugs kontrolliert. Die Menschen in der Kapsel müssen das Raumschiff nicht bedienen.
Was bedeutet die Wiederverwendbarkeit bei New Shepard?
Bei einer herkömmlichen Raketenmission gehen große Teile des Startsystems verloren oder werden nach einem einzigen Einsatz ausgemustert. New Shepard wurde dagegen von Beginn an für wiederholte Flüge entwickelt. Sowohl der Booster als auch die Kapsel kehren kontrolliert zurück. Blue Origin beziffert den wiederverwendeten Anteil auf annähernd 99 Prozent der Trockenmasse des Systems. Dazu gehören unter anderem Triebwerk, Struktur, Flossen, Landegestell, Kapsel und Fallschirme.
Wiederverwendbar bedeutet allerdings nicht, dass das Fahrzeug nach der Landung sofort wieder betankt und gestartet werden kann. Die Bauteile müssen geborgen, untersucht und für den nächsten Einsatz vorbereitet werden. Besonders Triebwerk, Tanks, Fallschirme und Sicherheitssysteme benötigen festgelegte Kontrollen. Wie umfangreich diese Arbeiten zwischen zwei Flügen ausfallen und welche Kosten dabei entstehen, veröffentlicht Blue Origin nicht vollständig.
Das BE-3PM verwendet flüssigen Wasserstoff und flüssigen Sauerstoff. Bei der Verbrennung entsteht hauptsächlich Wasserdampf und unmittelbar kein Kohlendioxid. Daraus folgt jedoch nicht, dass der gesamte Betrieb emissionsfrei wäre. Herstellung, Kühlung und Transport der Treibstoffe sowie der Betrieb der Anlagen benötigen Energie und verursachen abhängig von deren Herkunft zusätzliche Umweltwirkungen.
Wie funktioniert das Rettungssystem?
Über der Kapsel befindet sich kein klassischer Rettungsturm, wie er von manchen bemannten Raumfahrzeugen bekannt ist. Stattdessen besitzt New Shepard ein in die Kapsel integriertes Fluchtsystem. Erkennt das Fahrzeug während des Starts eine gefährliche Störung, kann ein eigener Rettungsmotor die Kapsel schnell vom Booster wegbringen. Danach folgt die Kapsel ihrem normalen Landeverfahren mit Fallschirmen.
Blue Origin erprobte dieses System in verschiedenen Flugphasen. Dazu gehörten ein Test auf der Startrampe, eine Trennung während der besonders belastenden Phase des maximalen Luftwiderstands und eine Aktivierung in großer Höhe. Insgesamt absolvierte das Unternehmen drei gezielte Kapselrettungstests.
Seine praktische Bedeutung zeigte das System während der unbemannten Mission NS-23 am 12. September 2022. Durch höhere Triebwerkstemperaturen als erwartet versagte die Düse des Boosters. Die automatische Steuerung erkannte die Störung, aktivierte den Rettungsantrieb und trennte die Kapsel. Diese landete sicher, während der Booster zerstört wurde.
Die US-Luftfahrtbehörde FAA verlangte nach der Untersuchung 21 Korrekturmaßnahmen. Dazu gehörten Änderungen an Triebwerks- und Düsenbauteilen sowie organisatorische Verbesserungen. New Shepard nahm den Flugbetrieb im Dezember 2023 wieder auf. Der Vorfall bewies damit einerseits die Funktionsfähigkeit des Rettungssystems, zeigte andererseits aber auch, dass selbst ein wiederholt geflogenes Raumfahrzeug schwerwiegende technische Fehler entwickeln kann.
Hinzu kommt eine Besonderheit der amerikanischen Aufsicht: Die FAA genehmigt kommerzielle Starts und prüft vor allem die Gefahren für die Bevölkerung, den Luftraum und Eigentum am Boden. Sie zertifiziert New Shepard jedoch nicht auf dieselbe Weise als sicher für Passagiere, wie eine Luftfahrtbehörde ein Verkehrsflugzeug zulässt. Teilnehmer kommerzieller Raumflüge müssen deshalb über bekannte und unbekannte Risiken informiert werden und diesen ausdrücklich zustimmen.
Mehr als eine Rakete für Weltraumtouristen
Die große Kapsel mit sechs Fensterplätzen macht New Shepard vor allem als Fahrzeug für kurze bemannte Weltraumflüge bekannt. Der erste Flug mit Menschen fand am 20. Juli 2021 statt. An Bord waren Jeff Bezos, sein Bruder Mark Bezos, die Luftfahrtpionierin Wally Funk und der damals 18-jährige Oliver Daemen.
Doch New Shepard dient ebenso als fliegendes Labor. In der Kapsel können anstelle der Sitze standardisierte Versuchseinheiten installiert werden. Bis zu sechs Gestelle mit insgesamt höchstens 36 einzelnen Nutzlastfächern sind möglich. Weitere Experimente lassen sich außen am Booster befestigen und dadurch direkt den Bedingungen der Hochatmosphäre und des Weltraums aussetzen.
Untersucht werden unter anderem Flüssigkeiten in Schwerelosigkeit, das Verhalten von Staub, biologische Prozesse, Sensoren und Technologien für spätere Raumfahrtmissionen. Ein suborbitaler Flug bietet nur wenige Minuten für solche Versuche, ist aber erheblich einfacher als der Transport eines Experiments auf die Internationale Raumstation. Die Nutzlast kehrt zudem noch am selben Tag zur Erde zurück und kann ausgewertet oder für einen weiteren Flug verändert werden.
Im Februar 2025 demonstrierte New Shepard eine zusätzliche Fähigkeit. Die Kapsel wurde während der Freiflugphase mit ungefähr elf Umdrehungen pro Minute in Rotation versetzt. Durch die dabei entstehende Zentripetalbeschleunigung herrschten im Bereich der Experimente für etwa zwei Minuten Bedingungen, die ungefähr der Schwerkraft auf dem Mond entsprachen. Auf diese Weise wurden 17 von der NASA unterstützte Technologien getestet, darunter Systeme zum Umgang mit Mondstaub, Instrumente, Komponenten für künftige Aufenthaltsmodule und ein Versuch zum Brandverhalten von Materialien.
Welche Bedeutung hat New Shepard für Blue Origin?
Bis Januar 2026 absolvierte New Shepard 38 Missionen. Darunter waren 17 bemannte Flüge. Insgesamt beförderte das System nach Angaben von Blue Origin 98 Personen über die Kármán-Linie, wobei einige Menschen mehrmals mitflogen.
Technisch ist New Shepard deutlich kleiner und weniger leistungsfähig als New Glenn, die große Orbitalrakete von Blue Origin. Beide Systeme erfüllen unterschiedliche Aufgaben und sollten nicht miteinander verwechselt werden. New Shepard erreicht für wenige Minuten den Weltraum und kehrt direkt zurück. New Glenn soll Satelliten, Raumsonden und andere schwere Nutzlasten dauerhaft in Umlaufbahnen oder auf weiterführende Flugbahnen bringen.
Trotzdem besitzt die kleinere Rakete für die Entwicklung des Unternehmens eine grundlegende Bedeutung. Mit ihr sammelte Blue Origin Erfahrungen mit Flüssigwasserstofftriebwerken, autonomen Flugabläufen, wiederholten Starts und vertikalen Landungen. Auch die Verfahren für bemannte Flüge und die Vorbereitung wiederverwendbarer Hardware konnten schrittweise erprobt werden.
New Shepard ist daher weder nur eine Touristenrakete noch ein Ersatz für ein orbitales Raumfahrzeug. Das System besetzt einen schmalen Bereich zwischen Forschungsflug und bemannter Raumfahrt: Es trägt Menschen und Experimente über die anerkannte Grenze des Weltraums, bleibt dort jedoch nur kurz. Seine eigentliche technische Leistung liegt weniger in der erreichten Höhe als in der kontrollierten Rückkehr. Booster und Kapsel vollenden denselben Flug auf zwei verschiedenen Wegen – und stehen danach grundsätzlich für den nächsten Start wieder zur Verfügung.
Die Blue Origin-Story
- Wie Blue Origin entstand – Die Geschichte von Jeff Bezos’ Raumfahrtunternehmen
- Weltraumtourismus mit Blue Origin – So läuft ein Flug mit New Shepard ab
- New Glenn – Was die neue Schwerlastrakete von Blue Origin leisten soll
- BE-4 – Das Raketentriebwerk von Blue Origin für New Glenn und Vulcan
- Blue Moon Mark 1 – Der unbemannte Mondlander von Blue Origin
- Blue Moon Mark 2 – Der Mondlander von Blue Origin für das Artemis-Programm
- Blue Ring – Der Weltraumschlepper von Blue Origin für Satelliten und Raumsonden
- Orbital Reef – Die geplante Raumstation von Blue Origin
- Blue Origin und SpaceX im Vergleich – Raketen, Mondlander und Ziele
Quellen
▪︎ Blue Origin – New Shepard und technische Beschreibung des Raketensystems
▪︎ Blue Origin – BE-3PM-Triebwerk und Missionsübersicht
▪︎ NASA Flight Opportunities – Forschung auf suborbitalen Flügen
▪︎ NASA – Simulation lunarer Schwerkraft mit New Shepard
▪︎ Federal Aviation Administration – Untersuchung der Mission NS-23
▪︎ Federal Aviation Administration – Regulierung kommerzieller bemannter Raumflüge
▪︎ Fédération Aéronautique Internationale – Definition der Kármán-Linie
