Ein dunkles Objekt schwebt über der Erde. Seine Form ist unregelmäßig, an manchen Stellen kantig, an anderen beinahe wie ein Flügel gebogen. Dahinter leuchtet die blauweiße Oberfläche unseres Planeten. Es ist eines jener Bilder, bei denen man für einen Moment verstehen kann, warum Menschen darin etwas Außergewöhnliches sehen.
Die Aufnahmen stammen tatsächlich von der NASA. Sie wurden tatsächlich im Weltraum gemacht. Und auf ihnen ist tatsächlich ein Objekt zu erkennen, das auf den ersten Blick nur schwer einzuordnen ist.
Seit Jahren werden genau diese Fotos im Internet als Beweis für den sogenannten Black-Knight-Satelliten verbreitet. Sie sollen zeigen, dass die NASA selbst ein unbekanntes, möglicherweise außerirdisches Raumfahrzeug im Erdorbit fotografiert habe. Doch was geschah wirklich, als diese Bilder entstanden?
Eine historische Mission zur jungen Raumstation
Die Geschichte führt zurück in den Dezember 1998. Damals war die Internationale Raumstation noch weit davon entfernt, der große Außenposten zu sein, den wir heute kennen.
Gerade einmal wenige Wochen zuvor war mit Sarja das erste Modul der ISS gestartet worden. Am 4. Dezember 1998 hob das Space Shuttle Endeavour zur Mission STS-88 ab.
Die Aufgabe der sechs Besatzungsmitglieder war bedeutend: Endeavour transportierte das amerikanische Verbindungsmodul Unity in den Orbit. Unity sollte mit Sarja gekoppelt werden und damit einen der ersten großen Schritte beim Aufbau der Internationalen Raumstation ermöglichen.
Während der fast zwölf Tage dauernden Mission führten die Astronauten Jerry Ross und James Newman drei Außenbordeinsätze durch. Sie verbanden Kabel, befestigten Ausrüstung und bereiteten die beiden ersten Module der Station für ihre zukünftigen Aufgaben vor. Bei diesen Arbeiten ging allerdings nicht alles nach Plan.
Mehrere Gegenstände entfernten sich unbeabsichtigt von den Astronauten und wurden zu Weltraumschrott. Darunter befand sich auch eine thermische Abdeckung. Und genau dieses Ereignis spielt bei den angeblichen Black-Knight-Fotos die entscheidende Rolle.
Ein Gegenstand treibt davon
Thermische Abdeckungen gehören zum normalen Erscheinungsbild von Raumfahrzeugen. Sie schützen Bauteile vor den extremen Temperaturunterschieden im Weltraum.
Auf der sonnenbeschienenen Seite eines Raumfahrzeugs können hohe Temperaturen auftreten, während abgeschattete Bereiche gleichzeitig extrem kalt werden. Deshalb werden viele Komponenten mit mehrlagigem, sehr leichtem Isoliermaterial geschützt.
Während eines Außenbordeinsatzes von STS-88 sollte eine solche Abdeckung an einem Bauteil angebracht werden. Doch sie entkam.
Die Kommunikation während des Einsatzes zeigt, dass der Verlust unmittelbar bemerkt wurde. Für die Astronauten war das zunächst vor allem ein praktisches Problem. Ein Gegenstand, der während eines Außenbordeinsatzes wegtreibt, lässt sich meist nicht einfach wieder einfangen.
Was für die Besatzung ein verlorenes Stück Ausrüstung war, sollte Jahre später allerdings eine vollkommen andere Bedeutung erhalten.
Die Fotos, die eine Legende befeuerten
Während der Mission wurde das davontreibende Objekt mehrfach fotografiert. Auf einigen Bildern erscheint es überraschend groß. Seine Oberfläche wirkt dunkel, die Form verändert sich von Aufnahme zu Aufnahme. Einmal scheint das Objekt langgezogen zu sein, auf einem anderen Bild wirkt es kompakter. Bestimmte Perspektiven lassen Strukturen erkennen, die fast wie technische Aufbauten aussehen.
Wer die Bilder ohne Zusammenhang betrachtet, könnte tatsächlich Schwierigkeiten haben zu erkennen, was dort zu sehen ist. Im Weltraum fehlt etwas, das wir auf der Erde fast ständig zur Verfügung haben: ein Größenvergleich.
Es gibt keinen Baum daneben, kein Gebäude und keinen Menschen. Ein Gegenstand kann wenige Meter oder wesentlich größer wirken, ohne dass der Betrachter seine tatsächlichen Dimensionen sofort abschätzen kann.
Auch die Entfernung ist schwer einzuschätzen. Denn vor der riesigen Erde im Hintergrund kann ein vergleichsweise kleines Objekt plötzlich monumental erscheinen.
Als die Aufnahmen später im Internet verbreitet wurden, erhielten sie eine neue Erklärung. Das dunkle Objekt sei kein verlorenes Material, sondern der geheimnisvolle Black-Knight-Satellit. Damit schien die alte Geschichte erstmals ein konkretes Bild zu besitzen.
Warum sieht eine Abdeckung wie ein Raumschiff aus?
Eine thermische Abdeckung ist kein starres Bauteil. Sie besteht aus flexiblem Material und kann sich falten, verdrehen oder teilweise aufblähen. Im freien Raum beginnt sie außerdem zu rotieren. Dadurch verändert sich ihre Silhouette ständig.
Auf einem Foto sieht man möglicherweise eine große Fläche. Sekunden später steht dieselbe Fläche schräg zur Kamera und wirkt plötzlich schmal. Falten können Kanten erzeugen, die an Tragflächen oder technische Strukturen erinnern. Hinzu kommt die Beleuchtung.
Im Weltraum gibt es keine Atmosphäre, die das Sonnenlicht wie auf der Erde verteilt. Direkt beleuchtete Bereiche können sehr hell erscheinen, während andere Flächen tief im Schatten liegen. Das verlorene Material wirkte deshalb auf mehreren Aufnahmen beinahe vollständig schwarz.
Genau daraus entstand jener bedrohlich wirkende Körper, der später auf zahllosen Webseiten, Videos und Beiträgen als Black Knight gezeigt wurde.
Die NASA hat das Objekt nie verborgen
Eine zentrale Behauptung vieler Verschwörungserzählungen lautet, die NASA habe versehentlich etwas fotografiert, das eigentlich geheim bleiben sollte. Dazu passt die tatsächliche Dokumentation jedoch schlecht.
Die Mission STS-88 ist umfangreich dokumentiert. Die Aufnahmen wurden nicht heimlich entdeckt oder aus einem internen Archiv gestohlen. Sie stammen aus öffentlich zugänglichem Bildmaterial der amerikanischen Raumfahrtbehörde. Auch dass während der Außenbordeinsätze Gegenstände verloren gingen, wurde nicht verschwiegen.
NASA-Unterlagen zur Mission führen mehrere Ausrüstungsteile auf, die während der Arbeiten von der Endeavour wegdrifteten. Der Verlust solcher Gegenstände war sogar Gegenstand späterer Untersuchungen, weil verlorenes Material sowohl für laufende Arbeiten als auch wegen des entstehenden Weltraumschrotts problematisch ist.
Das passt kaum zu der Vorstellung, die Raumfahrtbehörde habe versucht, ein unbekanntes Objekt zu vertuschen.
Was geschah mit dem angeblichen Satelliten?
Das verlorene Objekt blieb nicht für Jahre im Orbit. Es wurde als Trümmerteil verfolgt und trat kurze Zeit später wieder in die Erdatmosphäre ein.
Damit ergibt sich eine nachvollziehbare Abfolge:
Während eines Außenbordeinsatzes geht Material verloren. Das Objekt driftet vom Arbeitsbereich weg. Es wird fotografiert. Seine Bahn kann verfolgt werden. Schließlich verschwindet es beim Wiedereintritt.
Für einen uralten Beobachtungssatelliten wäre das ein ungewöhnlich kurzes Ende. Für ein leichtes Stück Weltraumschrott ist es dagegen ein völlig normaler Vorgang.
Aber zeigen die Fotos wirklich dasselbe Objekt?
In Diskussionen um die Aufnahmen wird gelegentlich behauptet, nicht jedes dunkle Objekt auf sämtlichen STS-88-Bildern müsse zwangsläufig die verlorene thermische Abdeckung zeigen.
Das ist grundsätzlich ein berechtigter Hinweis. Während einer Space-Shuttle-Mission befinden sich zahlreiche Gegenstände, Bauteile und kleinere Trümmer in der Umgebung. Nicht jedes Foto eines ungewöhnlichen Objekts lässt sich Jahrzehnte später anhand seiner Form allein zweifelsfrei identifizieren.
Für die bekannten Aufnahmen, die gewöhnlich als Beweis für den Black Knight verwendet werden, gibt es jedoch eine schlüssige Erklärung durch das während des Außenbordeinsatzes verlorene Material.
Vor allem gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Bilder ein kontrolliertes Raumfahrzeug zeigen.
Keine erkennbare Kursänderung weist auf einen eigenen Antrieb hin. Es wurden keine technischen Signale des Objekts dokumentiert. Es gibt keine langfristig nachgewiesene Umlaufbahn eines entsprechenden unbekannten Satelliten.
Was auf den Bildern geschieht, entspricht vielmehr dem Verhalten eines frei treibenden Gegenstands.
Fotografierte die NASA also einen außerirdischen Satelliten?
Die NASA fotografierte während STS-88 tatsächlich ein ungewöhnlich aussehendes dunkles Objekt über der Erde. Genau diese Aufnahmen sind echt und wurden nicht nachträglich erfunden. Doch das allein macht aus dem Gegenstand keinen außerirdischen Satelliten.
Der zeitliche Ablauf der Mission, die dokumentierten Verluste während der Außenbordeinsätze und das Verhalten des Objekts ergeben zusammen eine wesentlich einfachere Erklärung: Auf den berühmten Bildern ist sehr wahrscheinlich verlorenes Isoliermaterial zu sehen.
Bei vielen angeblichen UFO-Aufnahmen wird zunächst darüber gestritten, ob das Bild überhaupt echt ist. Beim Black Knight stellt sich diese Frage nicht.
Das Bild ist echt. Der Weltraum ist echt. Das rätselhafte schwarze Objekt ist echt.
Nur die Geschichte, die später daraus gemacht wurde, ist sehr wahrscheinlich eine andere als das, was die Kamera der Endeavour tatsächlich festgehalten hat.
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Quellen
▪︎ NASA – STS-88 Mission und Missionsübersicht
▪︎ NASA – Bildarchiv der Space-Shuttle-Mission STS-88
▪︎ NASA – Lessons Learned Information System, Hardwareverluste während der STS-88-Außenbordeinsätze
▪︎ NASA Technical Reports Server – Fotografische und technische Analyse der Mission STS-88
▪︎ NASA – Rückblick auf STS-88 und den Beginn des Aufbaus der Internationalen Raumstation
