Apollo 20 – Gab es eine geheime Mission zum Mond

Offiziell endete die bemannte Erforschung des Mondes am 19. Dezember 1972. An diesem Tag landete die Besatzung von Apollo 17 wieder auf der Erde. Eugene Cernan und Harrison Schmitt waren die letzten Menschen gewesen, die auf der Mondoberfläche standen. Apollo 18, Apollo 19 und Apollo 20 flogen nie.

Zumindest lautet so die dokumentierte Geschichte.

Seit 2007 verbreitet sich im Internet jedoch eine völlig andere Version. Demnach soll Apollo 20 keineswegs abgesagt worden sein. Stattdessen sei die Mission Jahre später heimlich gestartet – gemeinsam organisiert von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Ihr Ziel habe auf der Rückseite des Mondes gelegen, wo zuvor ein gigantisches außerirdisches Raumschiff entdeckt worden sein soll. Im Inneren hätten die Astronauten schließlich sogar den Körper eines humanoiden Wesens gefunden, das später als „Mona Lisa“ bekannt wurde.

Videos, angebliche Aufnahmen aus dem Kommandomodul und detaillierte Berichte eines Mannes, der sich William Rutledge nannte, verliehen der Geschichte den Anschein eines lange unterdrückten Kapitels der Raumfahrtgeschichte.

Dabei beginnt die Apollo-20-Legende ausgerechnet mit einer Tatsache: Apollo 20 hat es als geplante Mission tatsächlich gegeben. Nur fand sie Jahrzehnte früher ein anderes Ende, als es die Geschichte vom geheimen Mondflug behauptet.

Apollo 20 stand wirklich auf dem Flugplan

Nach der erfolgreichen Landung von Apollo 11 wollte die NASA die Mondflüge zunächst wesentlich länger fortsetzen. Insgesamt waren bis zu zehn bemannte Landungen vorgesehen. Apollo 20 sollte dabei den Abschluss einer ganzen Reihe wissenschaftlich immer anspruchsvollerer Missionen bilden. Ein Plan vom August 1969 sah den großen Krater Copernicus als mögliches Ziel vor, wobei die Auswahl für die späteren Missionen damals noch keineswegs endgültig war.

Doch die Voraussetzungen änderten sich schnell. Die gewaltigen finanziellen Mittel, die während des Wettlaufs zum Mond bereitgestellt worden waren, standen nicht mehr in gleicher Höhe zur Verfügung. Gleichzeitig wollte die NASA das Skylab-Projekt vorantreiben. Für die Raumstation wurde eine Saturn V benötigt – und zusätzliche Exemplare der riesigen Mondrakete sollten nicht mehr gebaut werden.

Am 4. Januar 1970 fiel deshalb die Entscheidung: Apollo 20 wurde gestrichen. Die ursprünglich dafür vorgesehene Saturn V sollte stattdessen Skylab ins All bringen. Wenige Monate später traf es zwei weitere geplante Mondflüge. Im September 1970 wurden zusätzliche Missionen gestrichen, sodass schließlich Apollo 17 als letzter bemannter Flug zum Mond übrig blieb.

Die Existenz eines ursprünglichen Apollo-20-Plans ist deshalb kein Geheimnis. Im Gegenteil: Seine Absage ist in der Geschichte des Apollo-Programms detailliert dokumentiert.

Gerade dieser reale Hintergrund machte die spätere Legende so wirkungsvoll.

2007 taucht „William Rutledge“ auf

Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende des Apollo-Programms erschienen auf YouTube Videos eines Nutzers, der unter anderem unter dem Namen „retiredafb“ auftrat. Die Aufnahmen sollten Material einer Mission zeigen, von der die Öffentlichkeit niemals erfahren hatte.

Hinter der Geschichte stand ein angeblicher ehemaliger Astronaut namens William Rutledge. Er behauptete, an einer geheimen Apollo-20-Mission teilgenommen zu haben. Der Flug habe 1976 stattgefunden und sei ein gemeinsames Unternehmen der USA und der Sowjetunion gewesen.

Schon die angebliche Besatzung wirkte spektakulär. Neben Rutledge soll der sowjetische Kosmonaut Alexei Leonow teilgenommen haben – jener Mann, der 1965 als erster Mensch einen Weltraumausstieg durchgeführt hatte und 1975 tatsächlich Kommandant der sowjetischen Besatzung beim historischen Apollo-Soyuz-Testprojekt gewesen war. In der Apollo-20-Erzählung wurde außerdem eine Frau namens Leona Marietta Snyder als drittes Besatzungsmitglied genannt. Für William Rutledge und Snyder existiert jedoch keine entsprechende dokumentierte Laufbahn als Apollo-Astronauten. Leonows tatsächliche Karriere wiederum ist umfangreich dokumentiert und enthält keinen geheimen Flug zum Mond.

Die Geschichte ging allerdings weit über eine unbekannte Besatzung hinaus. Apollo 20 sollte nicht einfach Gestein sammeln. Die Astronauten sollten ein Wrack untersuchen.

Das riesige Raumschiff auf der Mondrückseite

Nach der Erzählung war bereits auf älteren Aufnahmen der Mondoberfläche ein längliches Objekt entdeckt worden. Es sollte kilometerlang sein und wie ein gewaltiges, teilweise im Mondboden liegendes Raumschiff aussehen. Die geheime Mission habe den Auftrag erhalten, genau dieses Objekt aufzusuchen.

In den später veröffentlichten Videos erscheint eine bizarre Szenerie. Zu sehen sind Aufnahmen, die wie Filmmaterial aus einem Apollo-Raumschiff wirken sollen. Das vermeintliche Wrack wird aus der Umlaufbahn gezeigt, anschließend folgen weitere Szenen, die den Eindruck einer geheimen Expedition vermitteln.

Die Geschichte nutzt dabei geschickt eine reale Eigenschaft der Mondoberfläche. Auf älteren Orbiterbildern können Krater, Hügelketten, Schatten und Bildartefakte ungewöhnliche Formen annehmen. Werden einzelne Strukturen stark vergrößert und aus ihrem geologischen Zusammenhang herausgelöst, kann aus einer natürlichen Geländeformation schnell etwas entstehen, das wie ein technisches Objekt wirkt.

Doch die Apollo-20-Geschichte ging noch weiter. Im angeblichen Raumschiff soll die Besatzung nicht nur technische Überreste gefunden haben, sondern auch Körper.

Einer davon wurde zum bekanntesten Bestandteil des gesamten Mythos.

Die „Mona Lisa“ vom Mond

Die Videos zeigen das Gesicht eines weiblich wirkenden humanoiden Wesens. Der Körper soll innerhalb des außerirdischen Schiffes gefunden und in das Apollo-Raumschiff gebracht worden sein. Wegen seines auffälligen Gesichts erhielt das Wesen in der Geschichte den Namen „Mona Lisa“.

Damit besaß die Erzählung plötzlich etwas, das vielen früheren UFO-Geschichten fehlte: scheinbar konkrete Filmaufnahmen.

Das Wesen besitzt geschlossene Augen, lange Gesichtszüge und eine Struktur auf der Stirn. Kabel oder Schläuche scheinen am Kopf befestigt zu sein. In Verbindung mit dem körnigen Bildmaterial und der vermeintlichen Apollo-Umgebung wirkt die Szene auf den ersten Blick wie ein historisches Dokument.

Nur gibt es keinerlei unabhängig überprüfbare Herkunft für das Material.

Kein Missionsprotokoll bestätigt den Fund. Keine nachvollziehbare NASA-Akte verbindet William Rutledge mit einem Apollo-Flug. Kein unabhängiges Foto, keine Probe und kein technisches Dokument stützt die Geschichte. Die gesamte Beweiskette führt letztlich wieder zu den Veröffentlichungen zurück, mit denen die Geschichte selbst verbreitet wurde.

Später trat zudem der französische Künstler und Videomacher Thierry Speth öffentlich im Zusammenhang mit den Apollo-20-Aufnahmen auf. In einem 2017 veröffentlichten Interview wurde er ausdrücklich als Schöpfer der Apollo-20-Geschichte, der Figur William Rutledge und der „Alien Mona Lisa“ vorgestellt. Schon 2007 war im Umfeld der Geschichte berichtet worden, Speth habe seine Urheberschaft eingeräumt. Damit erhielt das vermeintliche Geheimdokument eine wesentlich irdischere Entstehungsgeschichte.

Doch selbst ohne dieses Eingeständnis enthält die Geschichte technische Probleme, die nur schwer mit einer echten Mondmission vereinbar sind.

Eine Saturn V lässt sich kaum heimlich starten

Nach einer verbreiteten Variante der Geschichte soll Apollo 20 von der Vandenberg Air Force Base in Kalifornien gestartet sein.

Das wäre ein bemerkenswertes Ereignis gewesen.

Eine Saturn V war 110 Meter hoch, benötigte eine enorme Startinfrastruktur und gehörte zu den leistungsstärksten Raketen, die jemals gebaut wurden. Die tatsächlich eingesetzten Saturn-V-Raketen starteten vom Launch Complex 39 des Kennedy Space Center in Florida. NASA-Unterlagen dokumentieren 13 Starts der Saturn V zwischen 1967 und 1973; der letzte brachte Skylab in die Erdumlaufbahn.

Für einen zusätzlichen geheimen Mondflug hätte nicht nur eine komplette Saturn V existieren müssen. Sie hätte transportiert, montiert, getestet, betankt und gestartet werden müssen. Dazu wären große technische Einrichtungen und eine erhebliche Zahl von Mitarbeitern nötig gewesen.

Von einem Saturn-V-Start in Vandenberg im Jahr 1976 existiert keine entsprechende historische Spur.

Auch die zeitliche Einordnung wirft Fragen auf. Das Apollo-Soyuz-Testprojekt von 1975 war die erste gemeinsame bemannte Raumfahrtmission der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Die beteiligten Astronauten und Kosmonauten, die Vorbereitung, die Starts und die Kopplung im Orbit sind umfassend dokumentiert. Nach diesem Flug führte die NASA bis zum ersten Space-Shuttle-Flug 1981 keinen weiteren bemannten Raumflug durch.

Apollo 20 müsste also ausgerechnet mitten in dieser sechsjährigen Pause als geheime Mondmission stattgefunden haben.

Auch die Hardware hinterlässt eine Spur

Das vielleicht größte Problem einer geheimen Apollo-20-Mission ist jedoch die Hardware.

Saturn-V-Raketen waren keine Geräte, die sich kurzfristig aus vorhandenen Teilen zusammensetzen ließen. Insgesamt wurden 15 flugfähige Saturn V gebaut. Die Fertigung war bereits Ende der 1960er-Jahre beendet worden. Genau dieser begrenzte Bestand war einer der Gründe, weshalb Apollo 20 gestrichen wurde: Eine vorhandene Rakete wurde für Skylab benötigt.

Hinzu kommen Kommandomodul, Servicemodul, Mondlandefähre, Raumanzüge, Navigationssysteme, Kommunikationsanlagen und die riesige Bodenorganisation eines Apollo-Fluges. Eine solche Mission hätte nicht nur drei Astronauten betroffen. Apollo-Flüge waren das Ergebnis der Arbeit Zehntausender Menschen in Kontrollzentren, Produktionsstätten, Testanlagen und bei zahlreichen Auftragnehmern.

Natürlich können militärische Programme geheim gehalten werden. Doch eine vollständige Mondmission mit einer Saturn V gehört zu einer anderen Größenordnung. Für Apollo 20 müsste praktisch eine zweite, unsichtbare Apollo-Infrastruktur parallel zur dokumentierten Raumfahrtgeschichte existiert haben – einschließlich einer zusätzlichen Rakete und eines Starts, für den sich keine belastbare technische Spur findet.

Warum die Geschichte trotzdem so überzeugend wirkt

Apollo 20 ist ein ungewöhnlich gutes Beispiel dafür, wie ein moderner Weltraummythos entsteht.

  • Fast jedes wichtige Element der Geschichte besitzt einen realen Anker.
  • Apollo 20 war tatsächlich geplant.
  • Die Mission wurde tatsächlich gestrichen.
  • Alexei Leonow war ein wirklicher Kosmonaut und arbeitete beim Apollo-Soyuz-Projekt tatsächlich mit der NASA zusammen.
  • Die Amerikaner fotografierten die Mondoberfläche tatsächlich aus dem Orbit.
  • Die Rückseite des Mondes war lange schwer zugänglich.
  • Und auf Mondbildern gibt es tatsächlich Strukturen, die bei entsprechender Vergrößerung ungewöhnlich wirken können.

Erst danach beginnt die Fiktion. Aus einer abgesagten Mission wird ein geheimer Flug. Aus einer natürlichen Struktur wird ein abgestürztes Raumschiff. Aus einem bekannten Kosmonauten wird ein Mitglied einer nicht dokumentierten Mondbesatzung. Schließlich werden Filmaufnahmen hinzugefügt, die scheinbar genau jene Beweise liefern, die der Geschichte zuvor fehlten.

Das macht Apollo 20 interessanter als eine einfache Behauptung. Die Legende wurde um reale Details herumgebaut.

Was wäre mit Apollo 20 tatsächlich geschehen?

Der vielleicht spannendste Teil der Geschichte kommt deshalb ganz ohne Außerirdische aus.

Wäre Apollo 20 nicht gestrichen worden, hätte die Mission wahrscheinlich zu den wissenschaftlich ambitioniertesten Flügen des gesamten Programms gehört. Konkrete Zielplanungen änderten sich mehrfach, doch der mächtige Copernicus-Krater gehörte zeitweise zu den vorgesehenen Kandidaten. Geologen interessierten sich für solche jungen großen Einschlagkrater, weil dort Material aus tieferen Schichten des Mondes freigelegt worden sein könnte.

Apollo 15, 16 und 17 zeigten später, wohin sich das Programm entwickelte: längere Aufenthalte, ein Mondauto, größere Entfernungen von der Landefähre und immer stärker wissenschaftlich ausgerichtete Expeditionen. Apollo 20 wäre sehr wahrscheinlich eine Fortsetzung dieser Entwicklung geworden.

Gerade deshalb ist seine Absage historisch interessant. Sie markiert den Moment, in dem die Vereinigten Staaten technisch noch weiter zum Mond hätten fliegen können, politisch und finanziell aber beschlossen, das Programm zu beenden. Dafür braucht es keine Geheimmission.

Gab es Apollo 20 also doch?

Ja – aber nur als geplante Mission.

Die NASA wollte Apollo 20 tatsächlich fliegen lassen. Anfang 1970 wurde der Flug gestrichen, lange bevor eine Besatzung zum Mond starten konnte. Die Saturn V wurde für Skylab benötigt, weitere Apollo-Missionen fielen Budgetentscheidungen zum Opfer und im Dezember 1972 endete das Mondprogramm mit Apollo 17. Diese Entwicklung ist in zeitgenössischen Planungen, technischen Unterlagen und der späteren NASA-Geschichtsschreibung nachvollziehbar dokumentiert.

Für die angebliche geheime Mission von 1976 dagegen fehlt eine vergleichbare Beweiskette vollständig. Es gibt keinen überprüfbaren Astronauten William Rutledge, keinen dokumentierten zusätzlichen Saturn-V-Start, keine nachvollziehbare Missionshardware und keinen unabhängigen Beleg für ein außerirdisches Raumschiff oder die „Mona Lisa“.

Apollo 20 ist deshalb eine besonders wirkungsvolle Legende, weil ihr Name nicht erfunden werden musste. Die Mission hat es wirklich gegeben. Nur eben auf dem Papier.

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Quellen
▪︎ NASA History – 50 Years Ago: NASA Cancels Apollo 20 Mission
▪︎ NASA History – Preparations for Apollo 14, 15 and 16 und Kürzung des Apollo-Programms
▪︎ NASA History – After Apollo, What? Space Task Group Report to President Nixon
▪︎ NASA – Human Space Flight: A Record of Achievement, Apollo-Programm und abgesagte Missionen
▪︎ NASA – The Apollo Program
▪︎ NASA Kennedy Space Center – First Saturn V Rollout Began an Era of Exploration
▪︎ NASA – Apollo-Soyuz Test Project
▪︎ NASA History – NASA Names U.S. Crew for the Apollo-Soyuz Test Project
▪︎ NASA – History’s Highest Stage, bemannte Raumfahrt nach Apollo-Soyuz
▪︎ Thierry Speth – Interview zur Entstehung der Apollo-20-, William-Rutledge- und „Alien Mona Lisa“-Geschichte