Ist der Mond hohl – Was hinter der beruehmten Apollo-Geschichte steckt

Als die Astronauten von Apollo 12 im November 1969 den Mond verließen, blieb auf seiner Oberfläche nicht nur wissenschaftliche Ausrüstung zurück. Auch die Aufstiegsstufe der Mondlandefähre „Intrepid“ hatte noch eine letzte Aufgabe. Nachdem Pete Conrad und Alan Bean wieder zum Kommandomodul zurückgekehrt waren, wurde die nicht mehr benötigte Stufe gezielt auf den Mond stürzen gelassen. Rund 40 Meilen vom zuvor aufgestellten Seismometer entfernt schlug sie auf.

Was anschließend auf den Instrumenten erschien, überraschte die Wissenschaftler. Die Erschütterungen waren ungewöhnlich lang messbar. Stärkere Signale hielten mehr als eine halbe Stunde an, schwächere noch länger. In Berichten über die Mission entstand dafür ein Bild, das bis heute weiterlebt: Der Mond habe „wie eine Glocke“ geklungen.

Aus dieser anschaulichen Beschreibung wurde später etwas völlig anderes. In Büchern, Fernsehsendungen und im Internet tauchte die Behauptung auf, die Apollo-Experimente hätten versehentlich bewiesen, dass der Mond hohl sei. Manchmal geht die Geschichte noch weiter: Der Erdtrabant soll eine künstliche Konstruktion sein, vielleicht sogar ein gewaltiges außerirdisches Raumschiff.

Die tatsächlichen Messungen der Apollo-Missionen erzählen allerdings eine andere – und wissenschaftlich wesentlich interessantere – Geschichte.

Der Einschlag von Apollo 12

Apollo 12 war die zweite bemannte Mondlandung. Neben der eigentlichen Erkundung der Oberfläche hatte die Mission eine wichtige wissenschaftliche Aufgabe. Conrad und Bean stellten ein Paket von Messinstrumenten auf, zu dem auch ein empfindliches Seismometer gehörte. Es sollte Erschütterungen im Mondboden registrieren und damit Hinweise auf den inneren Aufbau des Mondes liefern.

Eine besonders praktische Möglichkeit, solche Instrumente zu testen, bestand darin, einen künstlichen Einschlag zu erzeugen. Anders als bei einem natürlichen Meteoriteneinschlag waren Zeitpunkt und ungefähre Stärke des Ereignisses bekannt.

Die Aufstiegsstufe von Apollo 12 wurde deshalb nach ihrem Einsatz abgestoßen und auf Kollisionskurs gebracht. Als sie auf der Mondoberfläche einschlug, registrierte das Seismometer die entstehenden Wellen.

Das Bemerkenswerte war nicht, dass der Mond bebte. Jeder feste Himmelskörper reagiert auf einen ausreichend starken Einschlag mit Schwingungen. Überraschend war vielmehr, wie lange die Energie im Mondgestein nachweisbar blieb.

NASA-Unterlagen zur Mission beschreiben starke Signale von mehr als einer halben Stunde Dauer; schwächere Schwingungen waren ungefähr eine Stunde lang erkennbar. Genau daraus entwickelte sich das berühmte Bild vom Mond, der nach einem Schlag „wie eine Glocke“ reagiert.

Das war eine Metapher, keine Beschreibung eines hohlen Körpers.

Apollo 13 ließ den Mond noch länger „klingen“

Wenige Monate später erhielten die Wissenschaftler ein noch deutlicheres Signal. Bei Apollo 13 wurde die dritte Stufe der Saturn-V-Rakete, die sogenannte S-IVB, gezielt auf den Mond gelenkt.

Sie schlug am 14. April 1970 nördlich des Mare Cognitum auf. Das von Apollo 12 zurückgelassene Seismometer befand sich rund 135 Kilometer vom Einschlagsort entfernt und registrierte die Erschütterung.

Diesmal waren die Schwingungen nach NASA-Angaben etwa drei Stunden und zwanzig Minuten lang messbar.

Das klingt zunächst tatsächlich erstaunlich. Auf der Erde verschwinden die deutlich wahrnehmbaren seismischen Signale vieler vergleichbarer Ereignisse wesentlich schneller. Genau dieser Unterschied machte die Experimente wissenschaftlich wertvoll.

Doch aus der Dauer einer Schwingung lässt sich nicht folgern, dass ein Körper innen leer sein muss. Entscheidend ist, wie sich das Material verhält, durch das die seismischen Wellen laufen.

Warum der Mond so lange nachschwingt

Die Erde und der Mond sehen von außen ähnlich felsig aus, unterscheiden sich geologisch aber erheblich.

Die Erde besitzt einen heißen und dynamischen inneren Aufbau. Wasser befindet sich nicht nur an der Oberfläche, sondern beeinflusst auch Gesteine innerhalb der Erdkruste. Risse und Poren können Fluide enthalten. Hinzu kommen hohe Temperaturen und zahlreiche geologische Prozesse. Seismische Energie wird dadurch vergleichsweise wirkungsvoll gedämpft.

Der Mond ist wesentlich trockener, kälter und geologisch weniger aktiv. Vor allem seine äußeren Gesteinsschichten sind durch Milliarden Jahre von Meteoriteneinschlägen stark zerbrochen und durchsetzt mit Rissen.

Das führt zu einem ungewöhnlichen Verhalten seismischer Wellen. Sie werden innerhalb dieser stark zerklüfteten Strukturen immer wieder gestreut und reflektiert. Gleichzeitig wird ihre Energie nur langsam absorbiert.

Statt schnell abzuklingen, wandert ein Teil der seismischen Energie lange durch das Mondgestein.

NASA-Wissenschaftler verwenden auch heute noch gelegentlich das Bild des „Klingelns“, um diesen Effekt anschaulich zu erklären. Gemeint ist damit jedoch keine riesige Höhlung. Gemeint ist eine sehr geringe seismische Dämpfung.

Auch moderne Auswertungen der Apollo-Daten beschäftigen sich mit dieser Besonderheit. Gerade die starke Streuung der Wellen in der zerklüfteten Mondkruste erschwert manche Untersuchungen, liefert gleichzeitig aber Informationen darüber, wie die oberen Schichten des Mondes aufgebaut sind.

Woher die Geschichte vom hohlen Mond stammt

Der entscheidende Schritt von „Der Mond schwingt lange“ zu „Der Mond muss hohl sein“ geschah außerhalb der eigentlichen Forschung.

Der Vergleich mit einer Glocke wirkt intuitiv. Eine Glocke besitzt einen Hohlraum und schwingt lange nach. Wenn also der Mond angeblich wie eine Glocke klingt, scheint die Schlussfolgerung zunächst nahezuliegen.

Physikalisch funktioniert sie jedoch nicht.

Auch massive Körper können über längere Zeit schwingen. Entscheidend sind unter anderem ihre Größe, Zusammensetzung, innere Struktur und die Art, wie schnell mechanische Energie gedämpft wird. Selbst die Erde besitzt messbare Eigenschwingungen. Große Erdbeben können den gesamten Planeten in Schwingung versetzen.

Das Wort „klingen“ ist außerdem irreführend. Auf dem luftleeren Mond hörte niemand einen Ton. Die Apollo-Seismometer registrierten Bewegungen des Bodens. Diese Signale wurden auf der Erde ausgewertet und grafisch dargestellt.

Aus einer wissenschaftlichen Beschreibung seismischer Messdaten entwickelte sich damit über Jahrzehnte eine Vorstellung, die mit dem ursprünglichen Experiment nur noch wenig gemeinsam hatte.

Was die Apollo-Seismometer tatsächlich über den Mond verrieten

Gerade die Apollo-Messungen, die gelegentlich als Beleg für einen hohlen Mond dargestellt werden, gehören zu den wichtigsten Argumenten dagegen.

Mit den Apollo-Missionen entstand auf der erdzugewandten Mondseite ein kleines seismisches Netzwerk. Die Instrumente registrierten nicht nur gezielte Einschläge von Raketenstufen und Mondlandefähren. Sie erfassten auch Meteoriteneinschläge und verschiedene Arten natürlicher Mondbeben.

Aus der Laufzeit und dem Verhalten seismischer Wellen konnten Forscher Rückschlüsse auf unterschiedliche Schichten im Inneren ziehen.

Das Grundprinzip entspricht der Seismologie auf der Erde: Wellen verändern Geschwindigkeit und Richtung, wenn sie Materialien mit unterschiedlichen physikalischen Eigenschaften durchqueren. Manche Wellentypen können bestimmte Materialien besser passieren als andere. Aus ihren Ankunftszeiten lässt sich deshalb rekonstruieren, was sich unter der Oberfläche befindet.

Die Daten zeigen keinen großen leeren Innenraum.

Stattdessen ergibt sich das Bild eines differenzierten Himmelskörpers mit Kruste, Mantel und Kern.

Der Mond besitzt einen Kern

Wie genau der tiefste Mond aufgebaut ist, ließ sich mit den ursprünglichen Apollo-Messungen zunächst nur schwer bestimmen. Die Stationen lagen alle auf der erdzugewandten Seite, ihre Zahl war begrenzt und die starke Streuung der seismischen Wellen erschwerte die Interpretation.

Mit verbesserten Analysemethoden konnten Forscher Jahrzehnte später jedoch mehr Informationen aus den alten Messungen gewinnen.

Eine viel beachtete Untersuchung von Renee Weber und Kollegen kam 2011 anhand neu ausgewerteter Apollo-Daten zu dem Ergebnis, dass der Mond einen festen inneren und einen flüssigen äußeren Kern besitzt. Darüber könnte sich eine teilweise aufgeschmolzene Grenzschicht befinden.

Andere Verfahren ergänzen dieses Bild. Dazu gehören Messungen der Mondbewegung durch Lunar Laser Ranging sowie die hochpräzisen Gravitationsdaten der NASA-Mission GRAIL.

Heute gilt als gesichert, dass der Mond ein geschichteter Gesteinskörper ist. NASA beschreibt ihn als differenzierte Welt aus Kruste, Mantel und Kern. Der Kern ist im Verhältnis zum gesamten Mond deutlich kleiner als der Erdkern, aber er existiert.

Ein riesiger Hohlraum, der den Mond zu einer leeren Kugel machen würde, passt mit diesen Messungen nicht zusammen.

Auch die Schwerkraft verrät das Innere des Mondes

Ein Himmelskörper beeinflusst durch die Verteilung seiner Masse die Bewegung von Raumfahrzeugen in seinem Schwerefeld. Besonders präzise wurde dieses Feld durch die NASA-Mission GRAIL untersucht. Zwei Raumsonden umkreisten den Mond und registrierten winzige Änderungen ihres gegenseitigen Abstandes, während sie über Regionen mit unterschiedlicher Massenverteilung flogen.

Auf diese Weise entstand eine außerordentlich genaue Karte des lunaren Schwerefeldes.

Daraus lassen sich unter anderem Rückschlüsse auf die Dicke und Dichte der Mondkruste ziehen. Gemeinsam mit seismischen Daten und anderen geophysikalischen Messungen ergibt sich ein konsistentes Modell eines massiven, geschichteten Himmelskörpers.

Ein weitgehend hohler Mond hätte eine völlig andere Massenverteilung und würde sich sowohl in seinem Schwerefeld als auch in seinem seismischen Verhalten bemerkbar machen.

Könnte es trotzdem Hohlräume im Mond geben?

Dass der Mond nicht hohl ist, bedeutet nicht, dass unter seiner Oberfläche überhaupt keine Hohlräume existieren können.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Der Mond war in seiner Vergangenheit vulkanisch aktiv. Lava floss über große Gebiete und bildete ausgedehnte Ebenen. Wie bei vulkanischen Landschaften auf der Erde können dabei Lavaröhren entstehen. Nachdem der äußere Teil eines Lavastroms erstarrt ist, kann im Inneren weiterhin flüssiges Material abfließen und einen tunnelartigen Hohlraum zurücklassen.

Hinweise auf solche unterirdischen Strukturen sind für die heutige Mondforschung interessant. Sie könnten sogar für zukünftige bemannte Missionen eine Rolle spielen, weil natürliche Hohlräume Schutz vor Strahlung, Temperaturschwankungen und kleinen Meteoriteneinschlägen bieten könnten.

Solche lokalen Strukturen haben allerdings nichts mit der Vorstellung eines insgesamt hohlen Mondes zu tun. Zwischen einer mehrere Meter oder möglicherweise hunderte Meter großen Lavaröhre und einem Hohlraum im Inneren eines Himmelskörpers mit fast 3.500 Kilometern Durchmesser liegt ein grundlegender Unterschied.

Warum die Apollo-Geschichte trotzdem so überzeugend klingt

Der Mythos vom hohlen Mond besitzt einen ungewöhnlich starken Kern, weil das Ereignis, auf dem er beruht, tatsächlich stattgefunden hat.

Raketenstufen und Teile der Mondlandefähren wurden auf den Mond gelenkt. Seismometer registrierten die Einschläge. Die Schwingungen dauerten ungewöhnlich lange. Und Wissenschaftler beschrieben den Effekt tatsächlich mit einem Vergleich zu einer Glocke.

Erst die Interpretation dieser Beobachtung führt in die Irre.

Aus „Der Mond reagiert seismisch anders als die Erde“ wurde „Der Mond klingt hohl“. Aus „klingt hohl“ wurde schließlich „Der Mond ist hohl“. Je weiter sich die Erzählung von den ursprünglichen Messungen entfernte, desto stärker veränderte sich ihre Bedeutung.

Dabei ist die wirkliche Entdeckung kaum weniger faszinierend.

Die Apollo-Astronauten hatten Instrumente auf einem Himmelskörper installiert, dessen Inneres zuvor praktisch unbekannt gewesen war. Mit gezielten Einschlägen erzeugten Wissenschaftler künstliche seismische Ereignisse. Jahrzehnte später werden dieselben Daten mit modernen Methoden erneut ausgewertet und liefern weiterhin neue Erkenntnisse über Kruste, Mantel und Kern des Mondes.

Noch 2025 und 2026 erschienen wissenschaftliche Arbeiten, die Apollo-Seismogramme mit verbesserten Verfahren untersuchten und daraus neue Informationen über die Mondkruste und Mondbeben gewannen. Daten, die vor mehr als einem halben Jahrhundert aufgezeichnet wurden, sind damit noch immer Teil aktueller Mondforschung.

Der Mond „klingelte“ tatsächlich erstaunlich lange.

Aber nicht, weil er eine leere Kugel ist. Sondern weil sein kaltes, trockenes und stark zerklüftetes Gestein seismische Energie völlig anders weiterleitet und dämpft als die Erde. Ausgerechnet jenes Experiment, das zum Ausgangspunkt der Geschichte vom hohlen Mond wurde, half der Wissenschaft dabei, das Gegenteil zu zeigen: Unter der Oberfläche befinden sich Kruste, Mantel und Kern – und eine geologische Geschichte, die sich bis heute aus den Schwingungen der Apollo-Zeit herauslesen lässt.

Mehr zum Thema Mondmythen
▪︎ Ist der Mond künstlich entstanden? – Die Theorie vom „gebauten“ Erdtrabanten
▪︎ Gibt es eine geheime Alienbasis auf der Rückseite des Mondes?
▪︎ Apollo 20 – Gab es eine geheime Mission zum Mond?

Quellen
▪︎ NASA – Apollo 12: The Pinpoint Mission
▪︎ NASA – Apollo 13: Off to the Moon
▪︎ NASA Goddard Space Flight Center – Apollo 13 S-IVB Impact Site
▪︎ NASA – Moon Composition
▪︎ NASA Gravity Assist – The Moon Quakes, Walter Kiefer
▪︎ Weber, Lin, Garnero, Williams & Lognonné – Seismic Detection of the Lunar Core, Science
▪︎ Matsumoto et al. – Internal Structure of the Moon Inferred from Apollo Seismic Data and Selenodetic Data from GRAIL and Lunar Laser Ranging, Geophysical Research Letters
▪︎ Rajšić et al. – Numerical Simulations of the Apollo S-IVB Artificial Impacts on the Moon, Earth and Space Science
▪︎ Torrent Duch et al. – The Moon’s Crust and Upper Mantle Discontinuities Revealed Through Seismic Scattering Analysis, Journal of Geophysical Research: Planets
▪︎ Zhang et al. – Discovery of Repeating Shallow Moonquakes in the Apollo Seismic Data, Geophysical Research Letters