Als im Sommer 1947 in amerikanischen Zeitungen plötzlich von „fliegenden Untertassen“ die Rede war, lag Deutschland noch in Trümmern. Der Zweite Weltkrieg war erst zwei Jahre vorbei, das Land war in Besatzungszonen geteilt, der beginnende Kalte Krieg bestimmte zunehmend das politische Klima. Meldungen über rätselhafte Flugkörper am Himmel wirkten deshalb zunächst weniger wie Geschichten über Besucher aus dem All als wie mögliche Hinweise auf neue Waffen, geheime Flugzeuge oder sowjetische Technik.
Trotzdem dauerte es nicht lange, bis das neue Phänomen auch Deutschland erreichte. Schon Anfang 1948 tauchten Meldungen über ungewöhnliche Himmelserscheinungen aus Deutschland in amerikanischen Geheimdienst- und Militärunterlagen auf. Wenige Monate später verfügte die amerikanische Militärregierung in Bayern sogar, dass Beobachtungen unbekannter Flugobjekte systematisch gemeldet werden sollten. Die Geschichte der UFO-Sichtungen in Deutschland begann damit erstaunlich früh – fast unmittelbar nach der großen amerikanischen UFO-Welle von 1947.
Der Sommer 1947 verändert den Blick zum Himmel
Der Ausgangspunkt lag jedoch nicht in Deutschland, sondern im Nordwesten der Vereinigten Staaten. Am 24. Juni 1947 berichtete der amerikanische Geschäftsmann und Pilot Kenneth Arnold, während eines Fluges nahe dem Mount Rainier neun ungewöhnliche Objekte gesehen zu haben. Sie bewegten sich nach seiner Darstellung mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit in Formation.
Aus den anschließenden Presseberichten entstand der Ausdruck „flying saucer“, die „fliegende Untertasse“. Innerhalb weniger Tage wurde Arnolds Beobachtung zu einer nationalen Geschichte. Bald meldeten Menschen aus zahlreichen amerikanischen Bundesstaaten ähnliche Erscheinungen. Der Begriff verbreitete sich so schnell, dass er innerhalb weniger Wochen praktisch für jedes rätselhafte Flugobjekt verwendet wurde.
Auch der Vorfall bei Roswell im Juli 1947 verstärkte die öffentliche Aufmerksamkeit. Nachdem eine amerikanische Militärbasis zunächst mitgeteilt hatte, einen „flying disk“ geborgen zu haben, wurde die Meldung kurze Zeit später korrigiert. Jahrzehnte später wurde bekannt, dass die gefundenen Trümmer mit dem geheimen amerikanischen Überwachungsprogramm Project Mogul zusammenhingen. Für die unmittelbare Entwicklung des UFO-Phänomens war jedoch vor allem entscheidend, dass „fliegende Untertassen“ innerhalb weniger Wochen zu einem international bekannten Begriff geworden waren.
Diese Geschichten blieben nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt. Nachrichtenagenturen verbreiteten die Meldungen weltweit. Bereits im Juli 1947 wurden Beobachtungen aus zahlreichen Ländern gemeldet. Damit begann sich aus einer amerikanischen Pressemeldung ein internationales Phänomen zu entwickeln.
Deutschland befand sich in einer besonderen Situation
Für Deutschland hatten rätselhafte Flugobjekte zu dieser Zeit eine zusätzliche Bedeutung. Der Luftraum wurde von den Besatzungsmächten kontrolliert, während sich das Verhältnis zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion immer weiter verschlechterte. Berichte über unbekannte Flugkörper konnten deshalb durchaus militärische Aufmerksamkeit auslösen.
Hinzu kamen Erinnerungen an die sogenannten „Ghost Rockets“, die bereits 1946 vor allem über Skandinavien gemeldet worden waren. Dabei handelte es sich meist um leuchtende oder raketenähnliche Objekte, deren Ursprung vielfach ungeklärt blieb. Zeitweise wurde vermutet, die Sowjetunion könne erbeutete deutsche Raketentechnik erproben. Ein eindeutiger Nachweis dafür gelang nicht.
Anfang 1948 tauchten ähnliche Berichte erneut auf. Amerikanische Militärunterlagen erwähnen Meldungen aus Norwegen, Dänemark, Schweden und Deutschland. Beobachter berichteten unter anderem von langsam über den Himmel ziehenden Feuerbällen. Viele dieser Berichte waren unvollständig und stammten lediglich aus Zeitungsmeldungen, weshalb eine nachträgliche Bewertung kaum möglich ist. Trotzdem zeigen sie, dass unbekannte Himmelserscheinungen zu diesem Zeitpunkt auch Deutschland erreicht hatten.
Genau hier wird es schwierig, einen einzigen Menschen oder ein bestimmtes Datum als „erste deutsche UFO-Sichtung“ zu nennen. Anders als Kenneth Arnolds Beobachtung in den USA gibt es für Deutschland keinen einzelnen Fall, der allgemein als Beginn des modernen UFO-Phänomens anerkannt wäre. Die erhaltenen Quellen zeigen vielmehr einen schrittweisen Übergang: internationale Meldungen wurden in Deutschland bekannt, danach erschienen eigene Beobachtungsberichte, und schließlich begannen auch die Besatzungsbehörden, solche Meldungen systematisch zu erfassen.
Im Mai 1948 reagiert die amerikanische Militärregierung in Bayern
Einen besonders wichtigen Hinweis liefert ein Dokument der amerikanischen Besatzungsverwaltung. Am 3. Mai 1948 wurden innerhalb des Office of Military Government for Bavaria Anweisungen zum Umgang mit Berichten über sogenannte „unconventional aircraft“ verbreitet.
Die Militärregierung wollte Beobachtungen ungewöhnlicher Flugobjekte nicht einfach als Kuriosität behandeln. Entsprechende Meldungen sollten weitergegeben und erfasst werden. Die Anordnung entstand aufgrund von Vorgaben höherer militärischer Stellen in Deutschland und den Vereinigten Staaten.
Damit ist spätestens für das Frühjahr 1948 eindeutig dokumentiert, dass Berichte über unbekannte Flugobjekte im amerikanisch kontrollierten Teil Deutschlands als militärisch relevante Informationen betrachtet wurden. Das bedeutet nicht, dass die Behörden außerirdische Raumfahrzeuge vermuteten. Im frühen Kalten Krieg ging es vor allem um eine wesentlich naheliegendere Frage: Könnten sich hinter ungewöhnlichen Flugobjekten neue sowjetische Flugzeuge, Raketen oder andere technische Entwicklungen verbergen?
Die Begriffswelt war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls noch eine andere. Von „UFOs“ sprach kaum jemand. Die amerikanische Luftwaffe verwendete zunächst Ausdrücke wie „flying discs“ oder „flying saucers“. Der heute bekannte Begriff UFO setzte sich erst in den frühen 1950er Jahren durch.
Von amerikanischen Untertassen zu deutschen Beobachtungen
Die Übertragung des UFO-Phänomens nach Deutschland war damit nicht einfach eine Geschichte einzelner Sichtungen. Mindestens ebenso wichtig war die kulturelle Verbreitung der Vorstellung selbst.
Der Historiker Greg Eghigian hat untersucht, wie stark die Entwicklung des UFO-Phänomens im Nachkriegsdeutschland von amerikanischen Meldungen beeinflusst wurde. Zeitungen, Magazine, amerikanische Besatzungskultur und später Filme brachten die Vorstellung der „fliegenden Untertasse“ in die deutsche Öffentlichkeit. Gleichzeitig entwickelten sich eigene Interpretationen, die stark vom politischen Klima der Nachkriegszeit geprägt waren.
Zunächst war keineswegs selbstverständlich, dass solche Objekte mit Außerirdischen verbunden wurden. Eine verbreitete Erklärung lautete vielmehr, dass eine der Großmächte geheime Fluggeräte entwickelt haben könnte. Im beginnenden Kalten Krieg erschienen sowjetische oder amerikanische Geheimwaffen vielen Beobachtern erheblich plausibler als Besucher aus einem anderen Sonnensystem.
Daneben tauchte in Deutschland bald eine besondere Variante der Geschichte auf: die Behauptung, bereits das nationalsozialistische Deutschland habe scheibenförmige Fluggeräte entwickelt.
Die Legende von den deutschen Flugscheiben entsteht erst später
Gerade bei der Geschichte der frühen deutschen UFO-Sichtungen ist diese Unterscheidung wichtig. Bis heute wird gelegentlich behauptet, Deutschland habe bereits während des Zweiten Weltkriegs funktionsfähige „Reichsflugscheiben“, „Haunebu“-Raumschiffe oder ähnliche Geräte gebaut. Historisch belastbare Belege dafür existieren nicht.
Nachweisbar sind verschiedene ungewöhnliche Flugzeugprojekte aus der Endphase des Krieges. Dazu gehörten auch Konstruktionen mit kreisförmigen oder ungewöhnlichen Tragflächen. Ein funktionierendes Fluggerät mit den später behaupteten Fähigkeiten einer „fliegenden Untertasse“ wurde jedoch nicht nachgewiesen.
Die eigentliche Legende von deutschen Flugscheiben entstand nach dem Krieg. Besonders ein Bericht über den deutschen Ingenieur Rudolf Schriever sorgte 1950 für Aufmerksamkeit. Schriever erklärte, während des Krieges an einem kreisförmigen Fluggerät gearbeitet zu haben. Daraus entwickelten sich in den folgenden Jahren immer spektakulärere Geschichten über geheime deutsche Untertassenprogramme.
Historiker, die diese Erzählungen untersucht haben, sehen darin keine Belege für funktionsfähige UFO-Technologie des nationalsozialistischen Deutschlands. Vielmehr vermischten sich reale deutsche Raketen- und Flugzeugentwicklungen mit Spekulationen, Nachkriegserzählungen und der bereits etablierten Vorstellung der fliegenden Untertassen.
Für die Geschichte der UFOs ist diese Entwicklung trotzdem bemerkenswert. In den Vereinigten Staaten wurde darüber spekuliert, ob unbekannte Fluggeräte sowjetischen Ursprungs sein könnten. In Deutschland kam zusätzlich die Vorstellung hinzu, dass die geheimnisvolle Technik vielleicht ursprünglich aus deutschen Kriegsprojekten hervorgegangen sei.
In den 1950er Jahren wird das UFO zum Massenphänomen
Erst in den frühen 1950er Jahren begann sich das Bild zu verändern. Meldungen über fliegende Untertassen wurden international häufiger, während Zeitungen, Illustrierte und Wochenschauen regelmäßig über rätselhafte Sichtungen berichteten. Gleichzeitig gewann die Vorstellung außerirdischer Besucher zunehmend an Bedeutung.
Science-Fiction-Filme und populäre Literatur verstärkten diesen Wandel. Das scheibenförmige Raumschiff wurde zu einem kulturellen Symbol. Aus einem militärischen Rätsel des frühen Kalten Krieges entstand zunehmend die Frage, ob sich hinter manchen Beobachtungen tatsächlich Besucher aus dem Weltall verbergen könnten.
Auch in Deutschland wurden entsprechende Meldungen nun Teil der öffentlichen Diskussion. Einzelne Sichtungsberichte ließen sich zwar häufig auf astronomische Erscheinungen, Wetterphänomene, Ballons, Flugzeuge oder andere bekannte Ursachen zurückführen. Andere blieben aufgrund fehlender Informationen ungeklärt.
„Ungeklärt“ bedeutete dabei allerdings niemals automatisch „außerirdisch“. Genau diese Unterscheidung ist für die gesamte UFO-Geschichte entscheidend. Ein unbekanntes Flugobjekt ist zunächst lediglich etwas, das der Beobachter oder eine spätere Untersuchung nicht eindeutig identifizieren konnte.
Der deutsche UFO-Beginn lässt sich nicht auf einen einzigen Fall reduzieren
Wer nach der ersten UFO-Sichtung Deutschlands sucht, stößt deshalb auf ein historisches Problem. Menschen hatten selbstverständlich schon lange vor 1947 ungewöhnliche Erscheinungen am Himmel beschrieben. Meteore, Kometen, atmosphärische Erscheinungen und andere Himmelsphänomene wurden über Jahrhunderte dokumentiert. Sie nachträglich als UFO-Sichtungen zu bezeichnen, würde jedoch einen modernen Begriff auf historische Ereignisse übertragen.
Die eigentliche deutsche UFO-Geschichte beginnt deshalb sinnvollerweise mit der internationalen Untertassenwelle nach Kenneth Arnolds Beobachtung im Juni 1947. Innerhalb weniger Monate erreichten entsprechende Meldungen Europa. Anfang 1948 wurden ungewöhnliche Flugobjekte auch aus Deutschland gemeldet, und spätestens im Mai desselben Jahres existierten bei der amerikanischen Militärregierung in Bayern konkrete Anweisungen zur Erfassung solcher Beobachtungen.
Das ist wahrscheinlich der deutlichste dokumentierte Übergangspunkt.
Die fliegenden Untertassen kamen also nicht durch einen spektakulären Absturz oder eine einzige legendäre Sichtung nach Deutschland. Sie kamen durch Nachrichtenmeldungen, militärische Unsicherheit und eine Welt, die gerade gelernt hatte, dass Technologien wie Düsenflugzeuge, Fernraketen und Atombomben innerhalb weniger Jahre bisher kaum Vorstellbares möglich machen konnten.
In dieser Atmosphäre war die Frage, was dort oben am Himmel flog, keineswegs absurd. Nur die möglichen Antworten waren noch völlig offen.
Aus diesen ersten Berichten entstand während der 1950er Jahre eine eigene deutsche UFO-Kultur. Sichtungen wurden gesammelt, Zeitschriften berichteten darüber, private Forschergruppen entstanden und die Vorstellung außerirdischer Besucher wurde immer stärker mit dem Begriff UFO verbunden. Doch der Anfang war wesentlich nüchterner: unbekannte Lichter und Flugobjekte über einem geteilten Nachkriegsdeutschland, beobachtet in einer Zeit, in der niemand genau wusste, welche neuen Fluggeräte die Großmächte bereits entwickelt hatten.
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Quellen
▪︎ U.S. National Archives – Office of Military Government for Bavaria, Memorandum „Unconventional Aircraft“, 3. Mai 1948
▪︎ Greg Eghigian – „A Transatlantic Buzz: Flying Saucers, Extraterrestrials and America in Postwar Germany“, Journal of Transatlantic Studies
▪︎ Greg Eghigian – After the Flying Saucers Came: A Global History of the UFO Phenomenon, Oxford University Press
▪︎ Gerhard Wiechmann – Von der deutschen Flugscheibe zum Nazi-UFO
▪︎ SWR Wissen – 75 Jahre „fliegende Untertassen“
