Roswell Was geschah wirklich

Am 8. Juli 1947 veröffentlichte das Roswell Army Air Field in New Mexico eine Meldung, die Jahrzehnte später zu einem der berühmtesten Sätze der UFO-Geschichte werden sollte: Die Militärbasis habe eine „fliegende Scheibe“ geborgen. Noch am selben Tag folgte die Kehrtwende. Das vermeintliche Flugobjekt sei lediglich ein Ballon gewesen. Aus heutiger Sicht dauerte der eigentliche Roswell-Zwischenfall damit nur wenige Tage. Die Geschichte vom abgestürzten außerirdischen Raumschiff entstand in der Form, in der wir sie heute kennen, erst Jahrzehnte später.

Tatsächlich wurde 1947 nordwestlich von Roswell ungewöhnliches Material auf einer Ranch gefunden. Militärangehörige holten die Trümmer ab. Die erste Pressemitteilung sprach von einer fliegenden Scheibe, anschließend präsentierte das Militär Teile eines Ballons und eines Radarreflektors. Was zunächst wie ein beinahe kurioser Zwischenfall wirkte, entwickelte sich ab Ende der 1970er-Jahre zu einer Erzählung über ein abgestürztes UFO, tote Außerirdische und eine groß angelegte Vertuschung durch die US-Regierung.

Was davon lässt sich heute belegen?

Was geschah 1947 bei Roswell?

Der Ausgangspunkt der Geschichte war eine Ranch in der Nähe von Corona, nordwestlich von Roswell. Dort entdeckte der Rancher William „Mac“ Brazel Trümmer, die über ein größeres Gebiet verstreut lagen. Zum gefundenen Material wurden unter anderem Folien, Gummi, Papier, Klebeband und leichte Streben beschrieben.

Brazel informierte schließlich Sheriff George Wilcox in Roswell. Dieser verständigte das nahe gelegene Roswell Army Air Field. Von dort wurden Major Jesse Marcel, der Nachrichtenoffizier der 509th Bomb Group, und weitere Militärangehörige zur Fundstelle geschickt. Die Trümmer wurden eingesammelt und zum Stützpunkt gebracht.

Am 8. Juli gab die Basis dann eine Pressemitteilung heraus, die den Fund einer „flying disc“ meldete. In der damaligen Situation war diese Formulierung besonders brisant. Erst wenige Wochen zuvor hatte der Pilot Kenneth Arnold über ungewöhnliche Flugobjekte berichtet, woraufhin die Begriffe „flying saucer“ und „flying disc“ in den amerikanischen Medien eine enorme Verbreitung gefunden hatten.

Die Nachricht aus Roswell verbreitete sich entsprechend schnell. Doch bereits wenige Stunden später erklärte Brigadegeneral Roger Ramey im texanischen Fort Worth, bei den Trümmern handle es sich um Überreste eines Wetterballons mit Radarreflektor. Fotos zeigten Ramey und andere Offiziere mit entsprechendem Material. Die spektakuläre Geschichte verschwand daraufhin weitgehend aus den Schlagzeilen. Die National Archives dokumentieren sowohl die ursprüngliche Bekanntgabe des Roswell Army Air Field als auch die noch am selben Tag folgende Ballonerklärung.

Warum sprach das Militär zuerst von einer „fliegenden Scheibe“?

Diese Frage gehört zu den Punkten, die den Roswell-Mythos bis heute tragen. Wenn lediglich Ballonmaterial gefunden worden war, warum bezeichnete eine militärische Pressestelle den Fund zunächst als fliegende Scheibe?

Eine vollständig dokumentierte Erklärung dafür existiert nicht. Die Formulierung muss jedoch im Umfeld des Sommers 1947 betrachtet werden. Berichte über „fliegende Scheiben“ waren damals ein landesweites Medienphänomen. Der Begriff besaß noch nicht zwangsläufig die heutige Bedeutung eines außerirdischen Raumschiffs. Er konnte zunächst schlicht ein vermeintlich unbekanntes Flugobjekt beschreiben.

Gesichert ist, dass die ursprüngliche Meldung vom Roswell Army Air Field selbst stammte und keine spätere Erfindung der UFO-Szene war. Ebenso gesichert ist, dass das Militär die Aussage unmittelbar danach korrigierte.

Genau dieser Widerspruch bot später den idealen Ausgangspunkt für die Vermutung einer Vertuschung: Zunächst habe das Militär versehentlich die Wahrheit veröffentlicht und sie anschließend zurückgenommen. Dafür gibt es jedoch keinen unabhängigen Nachweis. Die Dokumente belegen eine falsche oder zumindest vorschnelle erste Pressemitteilung – nicht, dass damit versehentlich ein außerirdisches Raumschiff bestätigt worden wäre.

Was war Project Mogul?

Die Wetterballon-Erklärung von 1947 war selbst nicht die vollständige Geschichte. Erst Jahrzehnte später wurde bekannt, dass die US-Streitkräfte zur damaligen Zeit ein geheimes Programm mit der Bezeichnung Project Mogul betrieben.

Dabei wurden hoch fliegende Ballons beziehungsweise Ballonketten mit Instrumenten ausgerüstet. Ziel war es, mit akustischen Sensoren Hinweise auf sowjetische Atomtests zu entdecken. Das Projekt entstand zu Beginn des Kalten Krieges, als die Vereinigten Staaten dringend wissen wollten, wann die Sowjetunion eine eigene Atombombe entwickeln würde.

Ein Teil der verwendeten Ausrüstung war keineswegs exotisch. Dazu gehörten Ballons, Radarreflektoren, leichte Streben, Folien und weiteres Material. Die eigentliche Aufgabe des Projekts war jedoch geheim.

Die US Air Force kam nach einer umfangreichen Untersuchung in den 1990er-Jahren zu dem Ergebnis, dass die 1947 bei Roswell gefundenen Trümmer am wahrscheinlichsten von einem Ballonzug des Project Mogul stammten. Die zunächst verwendete Bezeichnung „Wetterballon“ hätte damit zwar die Art des Geräts grob beschrieben, gleichzeitig aber dessen tatsächliche militärische Aufgabe verborgen.

Das ist ein entscheidender Punkt der Roswell-Geschichte: Es gab tatsächlich etwas, das die US-Regierung 1947 nicht öffentlich erklären wollte. Nach dem heute verfügbaren Aktenbestand war dieses Geheimnis jedoch kein außerirdisches Raumschiff, sondern ein geheimes Überwachungsprojekt des frühen Kalten Krieges.

Wie wurde aus dem Ballon ein abgestürztes UFO?

Nach 1947 spielte Roswell in der öffentlichen UFO-Debatte zunächst erstaunlich lange kaum eine Rolle. Die moderne Roswell-Erzählung begann erst mehr als 30 Jahre später.

1978 sprach der UFO-Forscher Stanton Friedman mit dem inzwischen pensionierten Jesse Marcel, der 1947 an der Bergung der Trümmer beteiligt gewesen war. Marcel erklärte nun, das damals präsentierte Ballonmaterial sei nicht das gewesen, was er auf der Ranch eingesammelt habe, und äußerte die Überzeugung, dass die ursprünglichen Trümmer ungewöhnlicher Herkunft gewesen seien.

1980 erschien das Buch „The Roswell Incident“ von Charles Berlitz und William Moore. Es machte den Fall einem großen Publikum bekannt. Von diesem Zeitpunkt an wurde die Geschichte immer weiter ausgebaut. Weitere Zeugen wurden gesucht, neue Erinnerungen veröffentlicht und zusätzliche Absturzorte genannt. Mit der Zeit kamen Berichte über Leichen ungewöhnlicher Wesen, geheime Transporte, Autopsien und militärische Sperrgebiete hinzu.

Das ist für die Bewertung des Falls wichtig: Viele der spektakulärsten Roswell-Geschichten stammen nicht aus Dokumenten oder Presseberichten von 1947. Sie wurden erst Jahrzehnte nach dem ursprünglichen Ereignis bekannt. Selbst Jesse Marcel hatte in seinen späteren Aussagen keine Bergung außerirdischer Körper beschrieben.

Wurden bei Roswell außerirdische Leichen gefunden?

Für die Behauptung, dass 1947 außerirdische Körper geborgen wurden, gibt es keinen zeitgenössischen überprüfbaren Beleg. In den erhaltenen Dokumenten aus dem Jahr 1947 tauchen weder Alien-Leichen noch eine Autopsie oder ein entsprechender Transport auf.

Die Geschichten über Körper wurden vor allem durch spätere Zeugenaussagen bekannt. Einige Personen berichteten Jahrzehnte nach dem Ereignis, kleine menschenähnliche Wesen gesehen oder von deren Bergung erfahren zu haben. Die Aussagen unterscheiden sich jedoch teilweise erheblich hinsichtlich Ort, Zeitpunkt und Ablauf.

Die Air Force untersuchte diese Behauptungen in den 1990er-Jahren gesondert. In ihrem 1997 veröffentlichten Bericht „Roswell Report: Case Closed“ führte sie mehrere spätere militärische Vorgänge als mögliche Ursprünge entsprechender Erinnerungen an. Dazu gehörten Abwürfe anthropomorpher Testpuppen bei Hochaltitude-Experimenten in den 1950er-Jahren sowie tatsächliche Flug- und Ballonunfälle mit Verletzten und Toten. Nach Auffassung der Air Force könnten verschiedene Ereignisse aus mehreren Jahren später in den Jahrzehnte danach erzählten Erinnerungen mit dem Roswell-Ereignis von 1947 vermischt worden sein.

Damit ist nicht bewiesen, dass jede einzelne spätere Zeugenaussage auf genau diese Vorgänge zurückgeht. Belegt ist jedoch, dass bislang kein überprüfbares zeitgenössisches Dokument die Bergung nichtmenschlicher Körper bei Roswell bestätigt.

Was ergab die Untersuchung des US-Rechnungshofes?

In den 1990er-Jahren erreichte der Streit um Roswell schließlich den Kongress. Auf Initiative des Kongressabgeordneten Steven Schiff untersuchte das Government Accountability Office, damals General Accounting Office, welche staatlichen Unterlagen zum Roswell-Ereignis existierten.

Das Ergebnis wurde 1995 veröffentlicht.

Die Ermittler durchsuchten Unterlagen verschiedener militärischer und ziviler Behörden. Gefunden wurden zwei relevante Dokumente aus dem Jahr 1947: ein Tätigkeitsbericht des Roswell Army Air Field beziehungsweise der 509th Bomb Group und ein FBI-Fernschreiben vom 8. Juli 1947. Beide beschrieben die Bergung eines Objekts, das vom Militär als Ballon beziehungsweise Radarballon eingeordnet wurde. Weitere untersuchte Unterlagen lieferten keinen Nachweis für ein abgestürztes außerirdisches Fluggerät.

Die GAO-Untersuchung stellte allerdings auch fest, dass bestimmte Verwaltungsunterlagen des Roswell Army Air Field und ausgehende Nachrichten aus einem Zeitraum, der das Jahr 1947 einschloss, irgendwann vernichtet worden waren. Aus den erhaltenen Unterlagen ließ sich nicht feststellen, wer die Vernichtung veranlasst hatte und wann sie erfolgt war.

Diese Feststellung wird gelegentlich als Hinweis auf eine Vertuschung interpretiert. Das GAO zog diesen Schluss jedoch nicht. Die fehlenden Unterlagen sind eine tatsächliche Lücke im Archivbestand, aber für sich genommen kein Beweis dafür, dass darin Informationen über ein außerirdisches Raumschiff enthalten waren.

Was steht in den FBI-Akten zu Roswell?

Auch das FBI besitzt Unterlagen aus der frühen UFO-Zeit. Besonders interessant ist ein Fernschreiben vom 8. Juli 1947. Darin wird ein bei Roswell gefundenes Objekt beschrieben, das einem Höhenwetterballon mit Radarreflektor ähnelte. Die Mitteilung gehört damit zu den wenigen zeitgenössischen staatlichen Dokumenten über den Vorgang.

Ein anderes FBI-Dokument wird dagegen häufig fälschlicherweise direkt mit Roswell verbunden: das sogenannte Guy-Hottel-Memo von 1950. Darin wird eine Information über angeblich geborgene fliegende Untertassen und kleine Körper weitergegeben.

Das FBI selbst weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich um eine unbestätigte Information aus zweiter oder dritter Hand handelte, die vom Bureau nicht weiter untersucht wurde. Das Memo entstand zudem fast drei Jahre nach Roswell und bezieht sich nicht auf den dokumentierten Fund von 1947. Es ist daher kein Beweis für die Behauptung, in Roswell seien Außerirdische geborgen worden.

Wurde die Wahrheit über Roswell vertuscht?

Hier lohnt sich eine genaue Unterscheidung. Dass das Militär 1947 nicht offen über Project Mogul sprach, ist nachvollziehbar belegt. Das Programm diente der Überwachung möglicher sowjetischer Atomtests und war aus militärischer Sicht sensibel.

In diesem Sinn wurde der tatsächliche Zweck der Ballonmission geheim gehalten.

Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass auch die Existenz eines außerirdischen Raumschiffs vertuscht wurde. Für diesen wesentlich weitergehenden Schluss fehlen bis heute überprüfbare Beweise. Es gibt keine öffentlich verifizierten Wrackteile außerirdischer Herkunft, keine nachweisbaren Körper, keine entsprechenden zeitgenössischen medizinischen Unterlagen und kein Dokument, dessen Echtheit und Inhalt eine solche Bergung belegen.

Bemerkenswert ist zudem, dass der National Archives Bestand von Project Blue Book keine Akten enthält, die einen außerirdischen Roswell-Absturz dokumentieren. Bei späteren staatlichen Suchen wurden ebenfalls keine entsprechenden Belege gefunden.

Das schließt logisch nicht aus, dass unbekannte Unterlagen existieren könnten. Wissenschaftlich und historisch kann eine Behauptung jedoch nicht dadurch bewiesen werden, dass möglicherweise noch unbekannte Dokumente vorhanden sind.

Was geschah also wirklich in Roswell?

Einige Punkte lassen sich heute mit hoher Sicherheit rekonstruieren. Auf einer Ranch nordwestlich von Roswell wurden 1947 Trümmer gefunden. Angehörige des Roswell Army Air Field bargen sie. Die Basis veröffentlichte zunächst eine erstaunliche Meldung über den Fund einer „fliegenden Scheibe“. Wenige Stunden später erklärte das Militär das Material als Überreste eines Ballons.

Dass es sich dabei lediglich um einen gewöhnlichen Wetterballon handelte, war offenbar ebenfalls nicht die ganze Wahrheit. Der heute verfügbare Aktenbestand spricht stark dafür, dass das Material mit Project Mogul zusammenhing, einem geheimen amerikanischen Ballonprogramm zur Überwachung sowjetischer Atomtests.

Die Geschichten über ein abgestürztes außerirdisches Raumschiff und geborgene Wesen wurden dagegen vor allem Jahrzehnte später entwickelt. Sie beruhen überwiegend auf nachträglichen Erinnerungen und Aussagen, die sich teilweise widersprechen und für die keine vergleichbare zeitgenössische Dokumentation existiert.

Damit besitzt Roswell tatsächlich eine Vertuschungsgeschichte – nur wahrscheinlich eine andere als die populäre Legende erzählt. Das Militär hatte 1947 einen guten Grund, nicht öffentlich zu erklären, wofür seine Ballons eingesetzt wurden. In einer frühen Phase des Kalten Krieges war die Fähigkeit, sowjetische Atomtests aufzuspüren, ein militärisches Geheimnis.

Aus diesem echten Geheimnis, einer spektakulär missglückten Pressemitteilung und späteren Zeugenaussagen entstand über Jahrzehnte etwas Größeres: der berühmteste UFO-Absturz der Geschichte.

Dass Roswell bis heute fasziniert, liegt deshalb nicht daran, dass der Absturz eines außerirdischen Raumschiffs nachgewiesen worden wäre. Es liegt daran, dass hier fast alle Zutaten einer außergewöhnlichen Geschichte tatsächlich vorhanden waren: geheime Militärtechnik, widersprüchliche Erklärungen, verlorene Akten, ungewöhnliche Trümmer und eine Pressemitteilung, in der die US-Armee selbst für wenige Stunden behauptete, eine fliegende Scheibe geborgen zu haben.

Der letzte Schritt – vom geheimen Ballon zum außerirdischen Raumschiff – ist jedoch bis heute nicht belegt.

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Quellen
▪︎ National Archives and Records Administration – Unterlagen und historische Dokumentation zum Roswell-Ereignis von 1947
▪︎ U.S. Government Accountability Office – Government Records: Results of a Search for Records Concerning the 1947 Crash Near Roswell, New Mexico, 1995
▪︎ U.S. Air Force – The Roswell Report: Fact versus Fiction in the New Mexico Desert
▪︎ U.S. Air Force – The Roswell Report: Case Closed
▪︎ Federal Bureau of Investigation – Roswell UFO, FBI-Fernschreiben vom 8. Juli 1947
▪︎ Federal Bureau of Investigation – Guy Hottel Memo und historische Einordnung
▪︎ Roswell Army Air Field / 509th Bomb Group – Tätigkeitsbericht für Juli 1947