Die Suche nach außerirdischem Leben klingt zunächst nach einer Aufgabe für ferne Zukunftsmissionen: irgendwo auf einem fremden Planeten landen, eine Probe nehmen und darin Mikroorganismen finden. Tatsächlich läuft die Suche längst. Sie findet nur sehr unterschiedlich statt. Auf dem Mars untersucht ein Rover Gestein, das möglicherweise Spuren uralter Mikroben bewahrt hat. Im äußeren Sonnensystem sind Raumsonden unterwegs zu Eismonden, unter deren gefrorenen Oberflächen gewaltige Ozeane vermutet werden. Gleichzeitig zerlegen Weltraumteleskope das schwache Licht ferner Exoplaneten und versuchen daraus abzulesen, welche Stoffe sich in ihren Atmosphären befinden.
Bis heute ist außerhalb der Erde kein Leben nachgewiesen worden. Selbst die interessantesten Funde sind bislang Hinweise auf lebensfreundliche Bedingungen, organische Chemie oder mögliche Biosignaturen – keine Entdeckung außerirdischer Organismen. Gerade deshalb ist entscheidend, wo Wissenschaftler tatsächlich suchen und was sie dort überhaupt finden können.
Mars – die unmittelbarste Suche nach vergangenen Lebensspuren
Kein anderer Planet wird derzeit so direkt auf mögliche Spuren früheren Lebens untersucht wie der Mars. Der NASA-Rover Perseverance fährt seit 2021 durch den Jezero-Krater, in dem sich vor Milliarden Jahren ein See befand. Seine Aufgabe besteht nicht darin, heute lebende Organismen aufzuspüren. Er untersucht vielmehr Gesteine und Sedimente darauf, ob sie Hinweise auf eine Zeit bewahrt haben, in der der Mars deutlich feuchter und möglicherweise lebensfreundlich war.
Besonders interessant wurde diese Suche durch einen Fund aus dem Jahr 2024. Perseverance untersuchte einen Stein mit dem Namen „Cheyava Falls“ im ehemaligen Flusstal Neretva Vallis. Das Gestein enthält organischen Kohlenstoff sowie auffällige mineralische Strukturen. In kleinen Flecken wurden unter anderem Vivianit und Greigit nachgewiesen. Vergleichbare chemische Reaktionen können auf der Erde mit mikrobiellen Prozessen verbunden sein. Im September 2025 erschien die wissenschaftliche Auswertung in der Fachzeitschrift Nature. Die Forscher stufen den Fund als potenzielle Biosignatur ein. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Leben auf dem Mars entdeckt wurde. Nichtbiologische chemische Prozesse kommen weiterhin als Erklärung infrage.
Gerade diese Unterscheidung zeigt, wie vorsichtig die moderne Suche nach außerirdischem Leben geworden ist. Ein organisches Molekül ist noch kein Beweis für einen Organismus. Auch eine chemische Reaktion, die auf der Erde von Mikroben verursacht werden kann, muss nicht zwangsläufig biologischen Ursprung haben.
Perseverance sammelt deshalb ausgewählte Marsproben in versiegelten Röhrchen. Eine Untersuchung solcher Proben in irdischen Laboren könnte wesentlich genauere Analysen ermöglichen als Instrumente, die auf einem Rover untergebracht werden können. Wann und in welcher Form Marsproben tatsächlich zur Erde gelangen werden, hängt allerdings von der weiteren Planung einer entsprechenden Rückführungsmission ab.
Noch gezielter soll die ESA mit dem Rover Rosalind Franklin suchen. Sein Start ist nach der derzeitigen Planung für 2028 vorgesehen. Das Fahrzeug soll in Oxia Planum landen, einer Region mit umfangreichen Tonmineralablagerungen, die in Gegenwart von Wasser entstanden sind. Sein besonderer Vorteil ist ein Bohrer, der Material aus bis zu zwei Metern Tiefe gewinnen kann. Dort ist mögliches organisches Material wesentlich besser vor der zerstörerischen Strahlung an der Marsoberfläche geschützt. Die Mission soll ausdrücklich nach chemischen und strukturellen Hinweisen auf vergangenes oder möglicherweise noch vorhandenes Leben suchen.
Europa – ein Ozean unter kilometerdickem Eis
Die vielleicht spannendsten Orte der Suche sind inzwischen gar keine Planeten. Mehrere Monde der großen Gasplaneten besitzen nach heutigem Kenntnisstand unter ihren Eisoberflächen Ozeane. Einer der wichtigsten Kandidaten ist der Jupitermond Europa.
Unter Europas gefrorener Kruste befindet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein globaler Salzwasserozean. Schätzungen zufolge könnte er mehr als doppelt so viel Wasser enthalten wie sämtliche Ozeane der Erde zusammen. Gleichzeitig gibt es mögliche Energiequellen und chemische Ausgangsstoffe, die für Leben in der uns bekannten Form wichtig wären. Sonnenlicht würde einen solchen Lebensraum tief unter dem Eis kaum erreichen. Das muss jedoch kein Ausschlusskriterium sein: Auch auf der Erde existieren Ökosysteme, die ihre Energie nicht aus Sonnenlicht, sondern aus chemischen Reaktionen beziehen.
Hier setzt Europa Clipper an. Die NASA-Sonde wurde am 14. Oktober 2024 gestartet und befindet sich auf dem Weg zum Jupitersystem. Sie soll Europa bei zahlreichen nahen Vorbeiflügen untersuchen. Radar soll Informationen über die Eiskruste und möglicherweise darin befindliche Wasserschichten liefern, Spektrometer untersuchen die chemische Zusammensetzung, weitere Instrumente suchen nach Wärmequellen und analysieren Teilchen aus der Umgebung des Mondes.
Europa Clipper wird jedoch nicht behaupten können, eine Mikrobe gefunden zu haben. Die Mission ist ausdrücklich keine direkte Lebenssuchmission. Sie soll vielmehr klären, ob Europa tatsächlich Bedingungen besitzt, unter denen Leben existieren könnte. Erst wenn diese Frage genauer beantwortet ist, lässt sich sinnvoll planen, wie eines Tages unmittelbar nach Biosignaturen gesucht werden könnte.
Ganymed und Callisto – weitere Ozeane im Jupitersystem
Auch Europa ist nicht allein. Mit der europäischen Raumsonde Juice ist seit April 2023 eine zweite große Mission zum Jupitersystem unterwegs. Ihr besonderes Ziel ist Ganymed, der größte Mond des Sonnensystems. Daneben untersucht Juice auch Callisto und Europa.
Alle drei Monde gelten als mögliche Ozeanwelten. Bei Juice steht deshalb eine grundlegende Frage im Mittelpunkt: Unter welchen Bedingungen können um große Gasplaneten Umgebungen entstehen, die grundsätzlich lebensfreundlich sind? Die Sonde soll unter anderem die Eisschichten, vermuteten Ozeane, Oberflächen, chemische Zusammensetzung und die Wechselwirkungen der Monde mit Jupiter untersuchen.
Auch Juice sucht nicht nach einem einzelnen Organismus. Die Mission erweitert vielmehr die Suche auf eine ganze Klasse möglicher Lebensräume. Noch vor wenigen Jahrzehnten galt die Entfernung eines Himmelskörpers von der Sonne als einer der wichtigsten Faktoren für seine Lebensfreundlichkeit. Die Eismonde haben dieses Bild verändert. Flüssiges Wasser kann offenbar auch sehr weit außerhalb der klassischen habitablen Zone existieren, wenn beispielsweise Gezeitenkräfte genügend Wärme im Inneren eines Mondes erzeugen.
Enceladus – ein Ozean, der seine Proben selbst ins All schießt
Noch ungewöhnlicher ist der Saturnmond Enceladus. Dort liegt der Ozean ebenfalls unter einer Eiskruste, doch ein Teil seines Materials gelangt durch Risse am Südpol ins All. Gewaltige Fontänen schleudern Wasserdampf und Eispartikel hinaus. Die inzwischen beendete Cassini-Mission konnte mehrfach durch diese Wolken fliegen und dabei Material untersuchen, das vermutlich aus dem Inneren des Mondes stammt.
In den Daten fanden Wissenschaftler Salze, organische Verbindungen und Phosphor. Hinweise sprechen außerdem für hydrothermale Prozesse am Grund des Ozeans. Eine 2025 veröffentlichte erneute Analyse von Cassini-Daten identifizierte weitere organische Verbindungen in besonders frischen Eispartikeln aus den Fontänen. Damit vereint Enceladus mehrere Eigenschaften, die ihn astrobiologisch außergewöhnlich machen: flüssiges Wasser, organische Chemie, wichtige chemische Elemente und eine Energiequelle.
Das Bemerkenswerte daran ist die Zugänglichkeit. Eine künftige Sonde müsste möglicherweise nicht einmal die Eiskruste durchbohren. Sie könnte durch die Fontänen fliegen und Material aus dem unterirdischen Ozean untersuchen.
Der entscheidende Haken: Derzeit befindet sich keine neue Raumsonde auf dem Weg zu Enceladus. Die aktuelle Forschung basiert noch immer zu einem erheblichen Teil auf Cassinis Daten. Ausgerechnet einer der interessantesten Orte für mögliches heutiges Leben ist damit momentan kein Ziel einer laufenden Vor-Ort-Mission.
Titan – nicht nur nach Leben, sondern nach dem Weg dorthin suchen
Ein weiterer Saturnmond stellt eine etwas andere Frage. Titan besitzt eine dichte Atmosphäre und auf seiner Oberfläche Flüsse, Seen und Meere. Sie bestehen allerdings nicht aus flüssigem Wasser, sondern hauptsächlich aus Kohlenwasserstoffen wie Methan und Ethan. Gleichzeitig gibt es dort eine ausgesprochen komplexe organische Chemie.
Die NASA-Mission Dragonfly soll frühestens 2028 starten und Titan Ende 2034 erreichen. Das etwa autogroße Fluggerät kann wegen Titans dichter Atmosphäre und geringer Schwerkraft von einem Untersuchungsort zum nächsten fliegen. Dabei sollen unter anderem organisches Material, Oberflächenchemie und geologische Strukturen analysiert werden.
Dragonfly ist keine klassische Mission zur Entdeckung von Leben. Titan ist vielmehr eine Art natürliches Labor für die Frage, welche chemischen Schritte der Entstehung von Biologie vorausgehen können. Besonders interessant sind Orte, an denen organische Stoffe möglicherweise zeitweise mit flüssigem Wasser in Kontakt gekommen sind. Damit geht die Suche einen Schritt zurück: Wissenschaftler wollen verstehen, wie aus unbelebter Chemie überhaupt die Voraussetzungen entstehen können, aus denen sich Leben entwickelt.
Exoplaneten – Lebenssuche über viele Lichtjahre Entfernung
Während Raumsonden einzelne Welten unseres Sonnensystems untersuchen, findet eine zweite Form der Lebenssuche in wesentlich größerer Entfernung statt. Inzwischen kennen Astronomen Tausende Planeten um andere Sterne. Einige davon sind ungefähr erdgroß und bewegen sich in Regionen ihrer Planetensysteme, in denen Temperaturen grundsätzlich flüssiges Wasser ermöglichen könnten.
Eine Sonde dorthin zu schicken ist mit heutiger Technik praktisch ausgeschlossen. Stattdessen nutzen Astronomen das Licht.
Wenn ein Exoplanet vor seinem Stern vorbeizieht, durchquert ein kleiner Teil des Sternenlichts seine Atmosphäre. Bestimmte Moleküle absorbieren dabei charakteristische Wellenlängen. Das daraus entstehende Spektrum kann Hinweise darauf liefern, ob beispielsweise Wasserdampf, Kohlendioxid oder Methan vorhanden sind. Das James-Webb-Weltraumteleskop untersucht auf diese Weise bereits Atmosphären ferner Welten.
Doch auch hier gilt: Ein einzelnes Gas wäre kein Beweis für Leben. Selbst Sauerstoff oder Methan können unter bestimmten Bedingungen ohne biologische Prozesse entstehen. Entscheidend wäre ein Gesamtbild aus mehreren Stoffen, Temperatur, Planeteneigenschaften, Sternaktivität und chemischen Ungleichgewichten, für die keine überzeugende geologische Erklärung gefunden wird. Genau deshalb sprechen Wissenschaftler bei solchen Messungen von möglichen Biosignaturen und nicht von einem einfachen Lebensdetektor.
Ein wichtiger nächster Schritt kommt aus Europa. Die ESA-Mission Plato soll nach derzeitiger Planung 2027 starten. Ihre 26 Kameras sollen mehr als 200.000 Sterne beobachten und insbesondere terrestrische Planeten bis in die habitablen Zonen sonnenähnlicher Sterne aufspüren und charakterisieren. Plato wird also nicht unmittelbar Leben entdecken, könnte aber jene Welten finden und genauer einordnen, bei denen eine spätere Atmosphärenuntersuchung besonders interessant wäre.
Noch wesentlich stärker auf die eigentliche Lebensfrage zielt das geplante Habitable Worlds Observatory der NASA. Dieses zukünftige Weltraumteleskop soll erdähnliche Planeten um sonnenähnliche Sterne direkt abbilden und anschließend die chemische Zusammensetzung ihrer Atmosphären untersuchen. Das derzeitige Konzept sieht vor, mindestens 25 potenziell lebensfreundliche Welten gezielt zu untersuchen. Im Jahr 2026 läuft dafür weiterhin die wissenschaftliche und technologische Vorbereitung.
Die Suche findet an sehr unterschiedlichen Orten statt
Damit hat die Suche nach außerirdischem Leben heute mehrere Schauplätze zugleich. Auf dem Mars geht es vor allem um mögliche Spuren einer vergangenen Biosphäre. Bei Europa und Enceladus steht die Möglichkeit im Raum, dass unter kilometerdickem Eis noch heute lebensfreundliche Ozeane existieren. Titan hilft zu verstehen, welche Chemie der Entstehung von Leben vorausgehen könnte. Und bei Exoplaneten wird versucht, Lebenszeichen aus dem Licht ihrer Atmosphären herauszulesen.
Gerade diese Vielfalt ist wissenschaftlich entscheidend. Niemand weiß, ob Leben zwingend einen Planeten wie die Erde benötigt. Vielleicht entstand es einst auf dem feuchten jungen Mars und verschwand wieder. Vielleicht existiert es in einem dunklen Ozean unter Europas Eis. Vielleicht sind Planeten um andere Sterne voller Mikroorganismen, deren Einfluss sich eines Tages in ihren Atmosphären erkennen lässt.
Bislang besitzt keine dieser Möglichkeiten einen bestätigten Nachweis. Aber die Frage, wo nach außerirdischem Leben gesucht wird, lässt sich längst sehr konkret beantworten: in alten Sedimenten auf dem Mars, unter dem Eis der großen Monde, in den Fontänen des Enceladus, in der organischen Chemie Titans und im schwachen Licht ferner Planeten. Noch wurde nirgendwo eine zweite Biosphäre gefunden. Die Zahl der Orte, an denen Wissenschaftler sie ernsthaft suchen können, ist jedoch größer als je zuvor.
Quellen
▪︎ NASA – Mars 2020 Perseverance Mission und Untersuchungen möglicher Biosignaturen im Jezero-Krater
▪︎ Nature / Mars-2020-Wissenschaftsteam – Untersuchung des Gesteins Cheyava Falls und der Probe Sapphire Canyon
▪︎ ESA – ExoMars-Programm und Rosalind-Franklin-Mission
▪︎ ESA – Untersuchungen der Tonablagerungen in Oxia Planum
▪︎ NASA / Jet Propulsion Laboratory – Europa Clipper Mission und wissenschaftliche Ziele
▪︎ NASA Astrobiology – Voraussetzungen für mögliche Lebensfreundlichkeit des Jupitermondes Europa
▪︎ ESA – Jupiter Icy Moons Explorer (Juice), Missionsziele und Untersuchungen der Jupitermonde
▪︎ NASA / Cassini Science Team – Untersuchungen des Saturnmondes Enceladus und seines unterirdischen Ozeans
▪︎ Nature Astronomy / Cassini-Forschungsteam – Analyse organischer Verbindungen in frischen Eispartikeln von Enceladus
▪︎ NASA – Dragonfly-Mission zum Saturnmond Titan
▪︎ NASA Exoplanet Exploration – Suche nach Biosignaturen in Atmosphären ferner Planeten
▪︎ NASA – James Webb Space Telescope, Exoplaneten- und Astrobiologieprogramm
▪︎ ESA – Plato-Mission zur Suche und Charakterisierung terrestrischer Exoplaneten
▪︎ NASA – Habitable Worlds Observatory, wissenschaftliches Konzept und Technologieentwicklung
